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Datum: 24.03.2013

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Wenn Sportler Schule machen

Früher waren die Center-Courts der Welt ihr Heim. Heute leben Steffi Graf und Andre Agassi in Las Vegas und kümmern sich um Kinder. Sandra Winkler war zu Besuch

Das Haltbarkeitsdatum von Profisportlern ist begrenzt. Auf dem Fußballplatz geben sie ihr Abschiedsspiel mit Anfang dreißig, sie hängen mit Mitte zwanzig den Schwimmanzug an den Na- gel, ziehen mit vierzig ihre Boxhandschuhe aus oder geben mit dreißig den Tennisschläger zumindest in Wimbledon ab. Und was dann?
Einige der Frührentner wechseln die Seite, als Trainer wollen sie endlich mal schinden, statt geschunden zu werden. Andere bloggen für „Bild“ und wieder andere werden einfach nur nervig – wie Boris Becker. Steffi Graf hat sich nach ihrem Abschied vom Profitennis 1999 nach Las Vegas zurückgezogen. In die Heimatstadt ihres Mannes Andre Agassi. Das erfolgreichste Tennis-Paar der Welt kümmert sich hier seit dem Ende seiner Sportler-Karrieren vor allem um Kinder. Um ihre eigenen, Jaden Gil und Jaz Elle – und um andere, denen sie mit ihren Stiftungen „Children for Tomorrow“ und „Andre Agassi Foundation for Education“ helfen wollen. Vor elf Jahren baute Agassi eine gebührenfreie Schule in Las Vegas auf. Die „Andre Agassi College Preparatory Academy“ (kurz „Agassi Prep“) bietet über tausend unterprivilegier- ten Kindern die Möglichkeit, sich aufs College vorzubereiten.
Dort sitzen die beiden legendären Tennis- cracks in der Turnhalle unter einer amerikanischen Flagge, der einstige Tennisplatz-Paradiesvogel trägt graues Poloshirt und ein Lederband um den Hals, an dem kleine Würfel „Daddy rocks“ buchstabieren. Steffi Graf wirkt in weißer Hose und weißer Strickjacke wie immer akkurat und zurückhaltend. Unweigerlich muss man als Deutsche, die zum ersten Mal eine Nacht am Strip von Las Vegas verbracht hat, erst einmal die Frage los- werden: „Wie hat er Sie überredet, hierher zu ziehen?“ In diese dekadente Plastic-Fantastic- Stadt ohne jegliche Patina, wo die Hotels 4000 Zimmer haben und die Kasinos voller Spiel- süchtiger sind. Die Arbeitslosenquote ist hoch, die Selbstmordrate die höchste in den Vereinigten Staaten.
„Es ist Monate her, dass ich im Stadtzentrum war“, antwortet die 43-Jährige so gelassen, als hätte man sie nach der Uhrzeit gefragt. Die Kasinos, der Strip, das alles sei weit weg für sie. Fast eine Stunde mit dem Auto, um genau zu sein. Ihr Haus steht in der Nähe des Red Rock Canyon. Dort gibt es Parks und Wanderwege, die Kinder gehen hier zur Hip-Hop- Tanzstunde und zum Baseball. Ihr Leben ist nicht verrückt wie Vegas, eher bieder wie Brühl.
Steffi Graf hat sich ihr eigenes kleines Famili- enidyll inmitten der Wüste von Nevada geschaffen. Nicht nur ihre Mutter Heidi, die sie nach deren Brustkrebserkrankung in der Nähe haben wollte, folgte ihr nach Las Vegas. Bruder Michael zog mit seiner Frau und den vier Kindern ebenfalls hinterher. Auch Agassis Eltern und Geschwister leben hier. „Familie ist für uns das Wichtigste.“ Selbst auf eine Nanny, die zum normalen Prominentenhaus- halt gehört wie Bunnys in die Playboy Mansion, verzichtet die erfolgreichste Tennisspielerin der Profi-Ära. „Durch meinen Sport habe ich mir die Möglichkeit erarbeitet, meine Kinder aufwachsen zu sehen, dabei zu sein. Heute, da ich länger arbeite“, sagt sie und meint die Interviews, die sie gleich geben wird, „da holt meine Mutter die Kinder ab.“
Für Steffis Mutter sei es toll, in Las Vegas zu leben, wirft Schwiegersohn Andre ein. Ihre Freunde aus Deutschland kämen sie hier stän- dig besuchen. Und Michael liebe es, mit dem Jeep in den Canyon zu fahren. „Wir sind hier mitten in der Wüste. Aber jemand hat einmal daran geglaubt, dass es möglich ist, ausgerech- net hier eine Stadt aufzubauen. Es ist eine positive, optimistische Kultur: We can do it!“, schwärmt Agassi. Der Spirit sei einmalig.
So viel Aufbruchstimmung. Steckt die auch in den Projekten der beiden? Man hat ja schon von Sportler-Stiftungen gehört, die in erster Linie dazu dienen, das Image aufzupolieren. „Nein, wir geben schon mehr als unsere Namen“, sagt Steffi Graf und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen.
„Funds ... zu ... realisieren ...“, sagt sie zögernd. „Entschuldigen Sie, manchmal fällt es mir et- was schwer, ins Deutsch zu kommen.“ Und versucht es noch einmal: Fundraising nehme die meiste Zeit in Anspruch. Wobei es in Amerika verglichen mit Deutschland viel einfacher sei, Geld zu sammeln. Die Amerikaner würden einfach mehr spenden. Allein bei Agassis großem jährlichen Charity-Event „Grand Slam for Children“ im vergangenen Jahr kamen über acht Millionen Dollar an einem Abend zusammen. Santana, Elton John oder Michael Bublé traten für Agassis Sache bereits auf, Showgrößen, die sich eh gern so häufig in Las Vegas aufhalten wie Mickey Mouse und Donald Duck in Disneyland.
„Man muss den Künstlern im Gegenzug natürlich auch zur Verfügung stehen. Das ist ein Geben und Nehmen“, sagt Steffi Graf. Bereits am kommenden Tag steht für die beiden wieder das Geben auf dem Programm, diesmal für den Sponsor ihrer Stiftungen. Beim Kentucky Derby werden sie auf dem roten Teppich ihre Uhren von Longines in die Kameras halten, Andre Agassi ist auch Markenbotschafter des 1832 in der Schweiz gegründeten Unternehmens. Aber das wollen sie nicht wirklich als Arbeit bezeichnen. Immer härter jedoch werden Schaukämpfe für den guten Zweck: „Sie sind inzwischen körperlich sehr anstrengend“, sagt Steffi Graf. Gerade standen sie wieder gemeinsam auf dem Platz. Dass solche Auftritte Agassis Rücken nicht gut tun, ist kaum zu übersehen. Sein Gang ist steif.
Was er mit dem Geld unter anderem auf die Beine gestellt hat, präsentieren Akiela und Maykayla. Die Mädchen, beide 13 Jahre alt, führen stolz über ihren Campus. Sie tragen Schuluniformen aus Poloshirt, Schlips, Faltenrock. Der rot-gelb gestreifte Flachbau liegt in einem der ärmsten Viertel der Stadt, in Northwest Las Vegas. Manche behaupten, es wäre einfacher, einen Grand Slam zu gewin- nen, als es von dort aufs College zu schaffen. Auch einen Platz auf Agassis Privatschule sollte man wie einen Sieg feiern. Jährlich be- werben sich Tausende, wer angenommen wird, entscheidet das Los.
Auf dem Campus der „Agassi Prep“ in Las Vegas geht es aber zunächst einmal zu wie auf jedem Schulhof der Welt: laut. Die meisten Kinder sind Afroamerikaner. Sie rennen herum, spielen Basketball. Wird eigentlich auch Tennis angeboten? Nein, man will sich lieber auf Teamsportarten konzentrieren.
Seit einem Jahr sind Akiela und Maykayla auf Agassis Schule. Dass der Unterricht am Tag zwei Stunden länger dauert als auf den öffentlichen Schulen, auf die sie vorher gegangen sind, finden die beiden in Ordnung. „Endlich fordert uns mal jemand. Wir lernen ja immer etwas Neues. Früher war es immer das Gleiche.“ Es scheint wirklich schlecht zu stehen um das amerikanische Bildungssystem.
Fast 100 Prozent der Schüler der Agassi Prep schaffen den Abschluss. Das ist umso beachtli- cher, als Nevada der US-amerikanische Staat ist, in dem sich die wenigsten Schüler für das College qualifizieren. Das Konzept ist derart erfolgreich, dass Agassi es nun auch auf andere Staaten ausweitet und in den kommenden drei Jahren insgesamt 75 Schulen nach dem gleichen Vorbild gebaut werden sollen. Bereits am Eingang hängen Bilder von Agassi mit prominenten Unterstützern. Unter einem Foto des Gründers steht „Dein Glaube und deine Großzügigkeit haben es möglich gemacht“. Und Akiela und Maykayla wissen, dass ihr Förderer die Zitate selbst ausgesucht hat, die in einem Gang neben den lebensgroßen Aufnahmen von Mandela, Einstein, Martin Luther King geschrieben stehen. Auch Agassis Foto hängt dort und zeigt ihn, wie er die Arme auf dem Tennisplatz nach oben reißt. Darunter Churchills Ausspruch: „Never give in, never give in. Never, never, never.“ Gib niemals auf! Das Motto der Akademie ist klar: Leistung. Im Ballettraum steht der Spruch einer Tänzerin: „Du hast große Träume? Du willst berühmt sein? Berühmtheit kostet. Hier ist der Ort, an dem du anfängst zu bezahlen. In Schweiß.“ Auch Agassi hat wie seine Frau als Kind viel Leistungsdruck gespürt. Und wie sie die Schulbildung dem Tennis geopfert. Er findet das heute: „Okay“. Bereuen nein, bedauern ja. Und die eigenen Kinder? Agassi lässt einen kaum die Frage zu Ende stellen: „Sie gehen auf die beste Privatschule, die man mit Geld bezahlen kann.“ Sie sollen zunächst einmal eine anständige Bildung haben. Es sei okay, wenn jemand Profisportler werden will. Aber nicht, wenn man dafür seine Ausbildung op- fern müsste. „Denn Sport ist auch gemein“, sagt Agassi. „Sogar wenn du gut genug bist, hart trainierst, Erfolg hast, kann es in einem Tag vorbei sein. Und was dann? Dann kommt der Rest deines Lebens.“