Kolumne

Datum: 2/2013

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Kolumne: Gut gegen Grünschwäche (5)

Auf Insektenfang

Beim Durchblättern des Volkshochschul-Programms stieß ich auf ein interessantes Angebot: Waldwanderung „Regenwurm & Co“. Als ich noch Kind war und in einer Kleinstadt wohnte, musste man nur nach einem Regenguss vor die Tür treten und sah viel zu viele dieser glitschigen Gliedertiere sich auf dem Gehweg winden. Berlins Asphalt bleibt nach einem Schauer hingegen wurmfrei. Meine Tochter hat also noch nie einen Regenwurm gesehen.

Deshalb fahren wir an einem Sonntagmittag zum Grunewald. Die Gruppenführerin, eine Waldpädagogin, und das erste Kind sind bereits da. So wie der Junge angezogen ist, wäre er für einen Regensturm der Stärke 7 genauso gut ausgestattet wie für stundenlange direkte Sonneneinstrahlung. Er trägt Fleecejacke, Windbreaker, Gummistiefel und Mütze. Milla hingegen bestand darauf, die Expedition in Kleid, Chucks und Sonnenbrille anzutreten.

Ihren unprofessionellen Look macht sie aber zum Glück wieder wett. Nachdem wir im Wald auf ein paar Baumstämmen Platz genommen haben, gibt sie gleich zum Besten: „Regenwürmer sind gut für die Blumen, dann können die schön wachsen. Das stand in einem Buch.“ Ha! Meine Tochter, ein weiblicher Karl May unter den Waldfreunden. Nichts gesehen haben, aber alles wissen.

Bei der praktischen Übung – Insekten in einem Glas einsammeln – schneidet sie dann erwartungsgemäß schlechter ab. Sie lässt die anderen sammeln und kommentiert jeden Fund mit „Ihhh! Davor habe ich Angst!“ Als wir die Ausbeute – Springspinne, „Babyregenwurm“, Marienkäfer, Ameise, Hundertfüßer – auf ein weißes Tuch schütten, bleibt sie auf Sicherheitsabstand. Nicht mal den Regenwurm will sie auf die Hand nehmen.

Nach dem Waldausflug lässt sich meine Tochter völlig geschafft in die Karre fallen und nach Hause schieben. So einfach kann man Stadtkinder wohl doch nicht zu Naturfreunden machen, denke ich. Erstmal bleiben wir wohl besser bei naturnaher Lektüre. Doch dann fragt Milla plötzlich erschrocken: „Wo sind denn die Tiere?“ „Na, die sind doch vom Tuch zurück in den Wald gekrochen“, erkläre ich. „Was?!“ Tränen steigen ihr in die Augen. „Die haben wir nicht mitgenommen?“ Vielleicht war unser Ausflug ja doch der Beginn einer größeren Leidenschaft.