Kolumne

Datum: 1/2013

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Kolumne: Gut gegen Grünschwäche (4)

Mit Blumen spielen

Auf dem Weg zur Silvesterparty stellte ich meiner Tochter die Frage, die zum Jahresende gehört wie Feuerwerk, verschreckte Katzen unter Betten und Kleinkinder, die völlig drüber sind: „Und, was wünscht du dir für nächstes Jahr?“ Milla überlegte kurz und sagte dann voller Überzeugung: „Sommer.“ Ein verständlicher Wunsch, saß sie dabei doch eingezwängt in einem Skianzug im Autositz, draußen war es nass, kalt und stockdunkel, ihr Gesicht glänzte von der Fettcreme. „Na, nun kommt ja erstmal der Frühling“, sagte ich.

Im Märzen der Bauer vielleicht die Rösslein anspannt, doch der Städter sieht März, April und Mai eigentlich nur als Countdown, der runtergezählt werden muss, bis endlich wieder die Freibäder öffnen, die Planschen auf den Spielplätzen angehen, man zum Badesee fahren kann. Was hat der Frühling zu bieten, was der Sommer nicht noch besser kann? Außer dem Osterhasen.

Ich fragte also offensiv: „Was ist denn der Frühling?“ Die Antwort: „Da kommen die Blumen.“ Na also, das ist doch mal was, dachte ich am 31.12. Und jetzt, im März, brauchten wir dringend die prophezeiten Frühlingsboten. Doch da es rund um unser Haus mitten in Berlin keinen anständigen Park für eine Gartenschau gibt, müssen wir selbst pflanzen. Auf dem Balkon.

„Viel können Sie da noch nicht raussetzen,“ meinte die Blumenverkäuferin. „Nur Primeln und Stiefmütterchen.“ Während ich die Blumen in die Kästen setzte, verstreute Milla lieber Erde auf dem Balkon, zerhackte die Wurzeln unseres Mini-Apfelbaumes mit einer Mini-Harke, half dann aber beim Gießen der Neuankömmlinge – und war stolz auf ihr Werk. Verfroren gingen wir wieder in die Wohnung. Die Primeln und Stiefmütterchen haben wir seitdem keines Blickes mehr gewürdigt. Wer geht bei nicht mal zehn Grad auch auf den Balkon?

Diese halbstündige, halbherzige Pflanzaktion konnte doch nicht alles gewesen sein. Ich fuhr also mit Milla in den Tierpark und machte Fotos – von Krokussen, Buschwindröschen, Schneeglöckchen, Gänseblümchen, Blausternen, Hahnenfüße, Primeln, Stiefmütterchen. Bei einem Online-Service ließ ich daraus ein Memory-Spiel machen. Milla liebt es. Und kann alle Blumennamen auswendig. Jetzt spielen wir das Beste des Frühlings drinnen, während der heiß ersehnte Sommer draußen auf sich warten lässt.


Sandra Winkler (39) lebt mit ihrem Mann und ihrer dreijährigen Tochter Milla als Journalistin in Berlin.