Kolumne

Datum: 3/2012

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Kolumne: Gut gegen Grünschwäche (3)

Natur-Angst ist übertragbar

Den ganzen Sommer lang haben wir versucht, ein kleines Domizil in der Natur zu finden. Ich kenne keinen Stadtmenschen mit Kind, den nicht irgendwann der Rappel packt: Ein Wochenendhaus muss her oder wenigstens eine Datsche, oder – wenn es denn sein muss – auch ein Schrebergarten.

Wir haben also alles versucht, waren auf Kulturfesten in Brandenburg, um uns die Dörfer anzusehen und nach leerstehenden Häusern zu schauen. Wir haben Freunde mit Lauben besucht und die Nase über den muffigen Geruch gerümpft, haben Anzeigen angeschaut und geschaltet. Bis wir auf Valentinswerder waren. Die kleine Insel im Tegeler See in Berlin wird gerade so gehypt, dass wir nach zehn Minuten Spaziergang von einer Reporterin angehalten wurden, die uns für einen Artikel interviewen wollte. Doch wir haben mit dem Eigentümer gesprochen und sind auf der Warteliste für ein Grundstück. Die Chancen stehen gut für 2013.

Bei unserem letzten Besuch auf der Insel passierte allerdings etwas, das unsere grüne Glückseeligkeit nachhaltig beeinflussen könnte. „Mama! Aua am Bein! Aua! Mama komm’!“, rief Milla. Ich sah weiße Pusteln, ich sah flauschige grüne Blätter. Ich will nicht übertreiben: Aber in meiner Kindheit habe ich so oft Bekanntschaft mit Brennnesseln gemacht, dass man eine Art nach mir benennen sollte. Trotzdem wurde ich unruhig. Schließlich war das ja nicht mein Bein. Ich googelte, wie gefährlich Brennnesseln wirklich sind. Ich holte ein Kühlpad aus dem Picknickkorb. Ich fragte Milla, ob ihr schlecht sei. Milla adaptierte meine Aufregung – und fing an zu weinen.

Nun ist der Sommer lange vorbei. Und wir wollten uns kürzlich Valentinswerder mal im Winter anschauen. Ob es uns auch schneebedeckt gefällt? Doch als wir der Insel mit der Fähre näher kamen, schrie Milla plötzlich: „Nein, da geht mein Bein kaputt.“ Valentinswerder verbindet sie nun also mit Brennnesseln wie Tannenbäume mit Weihnachten. Wir gingen gar nicht erst von Bord. Als Mutter sollte man seine Panik besser im Griff haben. Natur-Angst ist übertragbar. Eine Infektion, die hoffentlich den Winter nicht überlebt. Sonst geht die Suche im nächsten Sommer wohl wieder los.