Warum! (Kolumne)

Datum: 1/2012

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Kolumne: Gut gegen Grünschwäche (1)

Die richtige Dosis Natur

Kürzlich war ich mit meiner Tochter zu Besuch auf dem Land – was für uns Berliner bedeutet: Brandenburg. Zwischen Äckern und Wiesen, Grillenzirpen und Blätterrauschen ist es dort den ganzen Tag so ruhig wie in Berlin-Mitte nur am Sonntag vor zwölf Uhr, also bevor die Leute aufstehen. Herrlich. Doch wir könnten in diesem Biotop leider nicht lange überleben: Milla braucht eine Kita, ich einen Arbeitsplatz und wir auf die Dauer ein spannenderes Unterhaltungsprogramm als das Geräusch von Nachbars Rasenmäher.

Dennoch: Nach unserer Ankunft genossen wir in der Sonne vor dem Haus erstmal das Nichtstun. Meine zweijährige Tochter räumte Kieselsteine von links nach rechts. Bis sie eine Ameise sah und wie gebannt stehen blieb. Was wird sie wohl tun? fragte ich mich. Wird sie versuchen das Insekt in die Hand zu nehmen oder etwa drauftreten? Nein, Milla setzte sich auf meinen Schoß, hob die Füße und rief: „Eine Biene! Ich hab’ Angst!“

Und da war es wieder: Mein schlechtes Gewissen. Bekommt mein Kind genug Natur? Oder fehlt ihm die richtige Pflanzen-Tier-Dosis für ein glückliches Leben. Experten meinen ja, Naturentzug fördere bei Kindern nicht nur psychische Krankheiten und ADS. Ohne seelische Nähe zu Pflanzen und Tieren verkümmere auch noch die emotionale Bindungsfähigkeit, schwänden Empathie, Fantasie, Kreativität und Lebensfreude.

Ich bin in einer kleinen Stadt zwischen Deich und wilden Wiesen groß geworden, ich weiß, wie man auf Gräsern pfeift, Blumenketten bastelt und wie sich ein „Nasser“ (also ein vollgelaufener Gummistiefel) anfühlt. Meine Tochter hingegen wächst nicht nur zwischen zwei Hauptstraßen und ohne erwähnenswerten Park in der Nähe auf. Schon als Einjährige mussten wir neben ihr in der Buddelkiste sitzen und in regelmäßigen Abständen ihre Hände vom Sand säubern. Dreck? Bäh! Tiere mag sie immer noch am liebsten auf Youtube oder aus Stoff. Und wie die Kuh macht, weiß sie dank der Muh-Box auf meinem iPhone.

Ich muss es mir also eingestehen: Mein Kind hat bereits eine Grünschwäche entwickelt. Doch deshalb raus aufs Land ziehen? Nein, das geht nicht. Ein Kompromiss muss her. Milla muss ins Grüne. Wie wir das schaffen – und was Milla eigentlich davon hält, erfahren Sie in Zukunft hier.