REISEN/Welt am Sonntag

Datum: 1. November 2015
Fotos: Felix Friedmann

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Heile, heile Wäldchen

Im Bregenzerwald ist die Welt noch in Ordnung, und
zwar so richtig – mit Menschen in Trachten und Kühen auf Almen.
Trotzdem geht es nicht altbacken zu, beruhigt Sandra Winkler

Der Nebel hängt noch in den Bergen, als Wolfgang Michl seinen Lauftrupp durch Bezau führt, am rauschenden Bach entlang, über Kuhfladen-gesprenkelte Kieswege hinweg – und an einem sportplatzgroßen Feld vorbei: „Von hier bekommen wir Gemüse und Salat geliefert“, sagt Michl, ohne dabei zu schnaufen. Er ist nicht nur Laufexperte, sondern auch Direktor des „Hotel Post“ im Ort. Dreimal die Woche können Gäste mit ihm joggen.

Mit dem Hoteldirektor laufen gehen und dabei sehen, wo der Kürbis für die Suppe auf der Abendkarte geerntet wurde. Danach beim Dehnen auf dem Balkon Kuh- und Kirchenglocken läuten hören und sich beim Frühstück durch acht verschiedene Käsesorten probieren – von Bierkäse bis Backsteiner – alle von Sennereien aus der Nachbarschaft, bevor man vielleicht noch die Tour ins kleine Heimatmuseum mitmacht. Wer im „Hotel Post Bezau“ eincheckt, bekommt schnell ein heimeliges Gefühl. „Wir sind sehr verstrickt mit der Region“, erklärt das Susanne Kaufmann später beim Mittagessen über einem dampfenden Semmelknödel mit Pfifferlingen. Die 44-Jährige – praktischer Zopf, ruhige Stimme, rollendes R – leitet das Traditionshaus in fünfter Generation. Und die Region, von der sie spricht, ist der Bregenzerwald im österreichischen Vorarlberg. Ein überschaubares Gebiet. In nur eineinhalb Stunden ist man mit dem Auto hindurchgefahren. 22 Dörfer wie Perlen hintereinander aufgefädelt und mit Namen wie Schnepfau, Mellau, Au, Schoppernau, in denen 30.000 Menschen leben, die sich selbst „Wälder“ nennen.

Der Bregenzerwald sei wirklich noch eine heile Welt, meint Kaufmann. Keine Inszenierung für Touristen. Im Gegensatz zu manchen Satellitenstädten in den Alpen leben die Menschen hier das ganze Jahr über und kommen nicht nur im Winter zum Skifahrern und im Sommer zum Wandern vorbei. Hier wird Kräutertee nicht gekauft, sondern gesammelt, am Sonntag gehen die Frauen ganz selbstverständlich mit ihrer Wäldlertracht in die Kirche und wer sich im Auto plötzlich von geschmückten Kühen umzingelt sieht, ist eben in einen Almauf- oder -abtrieb geraten. Susanne Kaufmann ist in Bezau aufgewachsen. Nach dem Tod der Mutter übernahm sie mit gerade einmal 23 Jahren die „Post“, damals ein typisch österreichischer Gasthof mit dunklen, verschnörkelten Möbeln, karierten Vorhängen, geblümten Couchen. Nicht das, was der neuen Chefin gefiel: „Ich will etwas ganz anderes, etwas, das man so im Alpenraum nicht kennt, habe ich damals zu meinem Bruder gesagt.“

Ihr Bruder ist der Architekt Oskar Leo Kaufmann, Vertreter der Neuen Vorarlberger Bauschule, der seine Holzkonstruktionen bereits im MoMA in New York zeigen durfte. 1997 entstanden im „Hotel Post“ die ersten neuen Zimmer: Puristisch, hell und mit Bädern aus Glaswänden. Damals noch gewöhnungsbedürftig für manchen Gast. „Als wir zu Weihnachten den Stammgästen die renovierten Zimmer anboten, sind sie rein, wieder raus und an die Rezeption: Hier bleiben wir nicht, haben sie gesagt“, erinnert sich Kaufmann. Am Abend des 23. Dezember saß sie mit der damaligen Geschäftsführerin an der Bar und war sich sicher, einen ganz großen Schmarrn gemacht zu haben.

Doch schon bald kam ein anderes Publikum und die neuen Zimmer waren immer weit im Voraus ausgebucht. Die Verjüngungskur konnte also weitergehen: 1998 kam ein moderner Holzanbau dazu, das heutige Westhaus, 2003 ein Spa – ganz in Weiß, lichtdurchflutet und weit entfernt vom österreichischen Holzromantik-Cleopatrabad-Style. In 21 Jahren hat Susanne Kaufmann in ihrer „Post“ so gut wie alles auf den Kopf gestellt. Eine Transformation vom urigen Gasthaus zum geradlinigen Design- und Wellnesshotel. Damit hat sie eigentlich nur konsequent durchgezogen, wofür der Bregenzerwald bekannt ist: Altes mit Neuem kombinieren, Tradition und Moderne ganz selbstverständlich nebeneinanderstellen. So ist man als Besucher anfangs überrascht, wenn Wohnkuben aus hellem Holz, Kupfer oder grauem Beton unvermittelt neben altersschwarzen Wälderhäusern auftauchen. Oder neue Gebäude die traditionelle Schindel-Fassade tragen, sodass die Häuser aussehen, als hätten sie eine schuppige Haut.

Auch Bushäuschen, wie sie in Krumbach stehen, würde man hier zwischen Bergen, Wiesen und Feldern wohl eher nicht erwarten: Ein Glaskasten mit Stühlen darin und Vogelhäuschen daran, zum Beispiel. Oder ein überdimensionaler Metallzack. Entworfen wurden sie von sieben internationale Architekten (von Pritzker-Preisträger Wang Shu aus China bis Smiljan Radic aus Chile) für einen Wettbewerb, zu dem das 1000-Einwohner-Dorf vor zwei Jahren aufgerufen hatte. Gefertigt haben die Wartehüsle dann aber Bregenzurwälder Handwerker aus überwiegend einheimischen Materialien. So viel Tradition muss in dieser Region sein. Und auf ihr Handwerk sind die Wälder besonders stolz. Schon seit Jahrhunderten gelten sie über die Grenzen Österreichs hinaus als beeindruckend innovativ. Und nirgendwo in Europa ist die Dichte an Handwerksbetrieben so hoch wie im Bregenzerwald.

Natürlich stammen auch die Möbel im Hause Kaufmann nicht von Ikea oder aus China, sie wurden ausschließlich vom Bruder entworfen und von Tischlern und Polsterern aus der Gegend gebaut. „Wenn wir etwas brauchen, schauen wir erst einmal, was es hier im Bregenzurwald gibt“, sagt Susanne Kaufmann. Das gilt auch für die eigene Kosmetiklinie „Organic Treats“. Produziert werden die Produkte in einer kleinen Manufaktur im Nachbarort Egg und sie duften nach dem, was drin ist: heimische Öle, Kräuterauszüge, Blütenessenzen. Eine Dosis heile Bergwelt in puristischen Tiegeln und Flaschen, die – zunächst eigentlich nur für den Hausgebrauch entwickelt – inzwischen in Hotels und Spas in New York, Wien und Berlin stehen und von Stadt-Konsumenten gekauft werden.

Nun könnte man sie mit ihrer „Region first“-Philosophie auch etwas eigenbrötlerisch finden, diese Bregenzerwälder. Doch die Gastgeberin kann beruhigen: „Wir verschließen uns nicht vor guten Dingen von außen. Wäre doch schade, wenn wir eine Seezunge aus der Bretagne nicht ab und zu auf der Karte stehen hätten.“ Und auch Traditionelle Chinesische Medizin hat im Bregenzerwald ja eigentlich nichts verloren, oder? Doch weil die Hotelchefin etwas für die Gesundheit anbieten wollte, das über Massagen und Kosmetik hinausgeht, können Gäste also auch Techniken wie Qi Gong auf dem Sonnendeck ausprobieren, sich im Spa peelen und baden lassen oder das Detox-Menü bestellen, dessen Basis ein sechs Stunden geschmacklos gekochter Reis ist, der aber ganz hervorragend den Darm ausreinigen soll.

Genüsslicher geht es da im „Irma“ zu, wo Stefan Jazbec Klassiker der Hausmannskost neu interpretiert. Das Gourmetrestaurant (2 Hauben, 15 Punkte) ist eine Hommage an Susanne Kaufmanns verstorbene Großmutter, Irma Natter, die im „Hotel Post“ lange Zeit gekocht hat und Frauen in der Region, die verheiratet werden sollten, zeigte, wie man eine anständige Mahlzeit zubereitet. Ihre Unterschrift ziert die Stoffservietten und die Vorhänge am Fenster erinnern an die Wäldertracht, die sie stets getragen hat: plissiert und mit einem blauem Band.

Ein Gemälde von Irma Natter hängt über dem Frühstücksbüffet – mit recht ernstem Blick schaut sie aus dem dunklen Rahmen. Neben ihr ist eine moderne runde Wandlampe aus Glas angebracht. Hätte ihr das Hotel in seiner heutigen Form wohl gefallen? „Ich glaube schon“, überlegt Susanne Kaufmann: „Sie war stolz, aber auch offen für Neues.“ Eine Kombination, die im Bregenzerwald beruhigenderweise weit verbreitet ist.