Welt am Sonntag

Datum: 19. November 2006
Fotos: Getty Images

Druckansicht

main-2-4c574a005c-4c5be42ec2.jpg

Trink, Schwesterlein, trink!

Bislang galten eher Männer als Experten in Sachen Wein. Dabei haben Frauen den besseren Geschmackssinn. Nun haben sich einige zusammengetan, um den Weinmarkt mit vereinten Kräften zu erobern

Wenn eine Internetseite zum Thema Frauen und Wein angekündigt wird, dann denken die meisten Männer offensichtlich eher an erotische Fotos betrunkener College-Mädchen. Zumindest klärt die Homepage des britischen Weinhändlers „Women on Wine“ (WOW; www.womenonwine.co.uk) schon auf der Startseite darüber auf, dass es sich wirklich um ein Angebot für weininteressierte Damen handelt. Nur Wein, etwas Weib und auf keinen Fall Gesang.

Es geht um eine geschlechtsspezifische Beratung. „Mein Mann hat mich jahrelang mit seinem Wissen über Wein genervt“, sagt Michelle Parker, eine der drei Frauen hinter WOW. Also hat sie zurückgeschlagen: mit der Ironisierung des eigenen Klischees. Erstmals in der Weingeschichte empfiehlt WOW den richtigen Tropfen zur Fußbekleidung (Turnschuhträgerinnen sollten einen erfrischenden Sauvignon Blanc trinken, Liebhaberinnen von verführerischen Mules lieber Pink Muscat). Oder die passende Flasche zum Horoskop: Problembeladene Zwillinge greifen bitte zu einem fruchtigen Shiraz aus Australien, unentschlossene Löwinnen lieber zu einem Rosé aus Südafrika.

Natürlich können alle Weine über die Seite bestellt werden und kommen in einem pinkfarbenen Karton. Frauen mögen so etwas.

Sie finden, das klingt albern? Mag sein, aber die Seite spielt auf diese übertriebene Art mit einem Problem, das Frauen häufig tatsächlich haben: Sie interessieren sich zwar theoretisch für Wein, haben aber zu viel Respekt vor der Materie. „Viele Frauen trauen sich einfach nicht zu, Wein zu beurteilen“, sagt Heidemarie Krekel.

Seit vergangenem Jahr veranstaltete sie für Rheinlandpfalz Tourismus spezielle Weinreisen nur für Frauen. Denn in der Regel kennen sich Männer immer noch besser aus und prahlen mit ihrem (Halb-)Wissen über Öchsle, Schwefelgehalt und Hanglage. Frauen hingegen seien eher intuitiv, mehr aus dem Bauch heraus. In einer Runde von selbst ernannten Aficionados halten sie also lieber den Mund.

Dank Heidemarie Krekel bleiben die Damen auf den Reisen nun unter sich. Sie lernen Grundlagen, mit denen sie beim Geschäftsessen punkten können, probieren ein Degustationsmenü mit den passenden Tropfen und schulen ihren Gaumen. Spätestens bei der abschließenden Wellness- Vinotherapie, beider Traubensaft äußerlich angewendet wird, wären die Herren mit ihrem Weinlatein eh am Ende.

Ohne Wellness, aber mit Wissenswertem über Herstellung, Einkauf, Qualität, Lagerung und das Dekantieren läuft die kleine Weinkunde für Frauen bei „Feinkost Käfer“ in München ab. Die eintägigen Seminare „Käfer Miss Wein“ kosten 175 Euro, Mittagessen beim Feinkosthändler inklusive.

Aber nicht nur beim Trinken und Testen wollen die Frauen aufholen: Der Verein Vinissima – Frauen & Wein setzt sich seit Jahren dafür ein, dass die präsentesten Damen im Geschäft nicht länger nur die Weinköniginnen sind. „Wir wollen die Frauen in der Branche fit machen, ihr Weinwissen und ihre Position stärken“, sagt Vinissima-Vorsitzende Sabine Mosbacher-Düringer.

Inzwischen hat der Verein fast 300 Mitglieder. Die Berufspalette reicht von Küferin und Winzerin über Journalistin und Weinhändlerin bis zur Sommelière. Viele sind Quereinsteigerinnen, die zum Beispiel in eine Winzerfamilie eingeheiratet haben. Sie wollen sich nun in einer Branche weiterbilden, die in vielen Bereichen noch von Männern dominiert wird.

Dabei helfen sollen Seminare über Finanzierung und Bilanzierung, über Sensorik und Rhetorik, Telefonmarketing und Englisch als Weinfachsprache. Um deutlich zu machen, dass auch Frauen exzellente Tropfen produzieren, vergibt Vinissima außerdem alle zwei Jahre einen Preis von Frauen an Frauen. Ausgezeichnet werden sechs Kategorien, von Riesling über Burgundersorten bis Bukett. „Wir haben mit unserer Arbeit bereits viel erreicht und werden nicht mehr belächelt“, sagt Mosbacher-Düringer.

Und trotzdem, wer einmal darauf achtet, wird feststellen: Im Restaurant bekommt meist der Herr am Tisch die Weinkarte in die Hand und den ersten Testschluck ins Glas. Und das, obwohl den Damen eigentlich die feinere, differenziertere Sensorik nachgesagt wird: „Ein Mann nennt einen Wein fruchtig, eine Frau sagt, er schmeckt nach Limette“, sagt Heidemarie Krekel. Und auch beim Verdacht auf Kork ließen viele Winzer gern erst mal die Frau probieren, erklärt Sabine Mosbacher-Düringer.

Die Mitarbeiter des „GaultMillau“-Magazins scheinen jetzt auch begriffen zu haben, dass Frauen in der Weinbranche nicht länger belächelt werden sollten. Die aktuelle Ausgabe widmet den weiblichen Nasen sogar die Titelgeschichte mit der Überschrift: „Immer mehr Frauen haben in der Spitzengastronomie die Regentschaft über die Weinkeller übernommen.“

Doch die Schlüsselübergabe war nicht einfach: „Von einem Fräulein lasse ich mir gern den Kaffee zum Frühstück servieren“, bekam Paula Bosch zu hören, als sie sich für die Stelle des Sommeliers im Hotel „InterConti“ in Frankfurt bewarb. „Den Wein möchte ich aber von einem Mann empfohlen bekommen.“ Das war vor 25 Jahren. Heute ist Paula Bosch Chefsommelière im Münchner Gourmet- Restaurant „Tantris“ und gilt als Wegbereiterinfür weibliche Weinexperten in der deutschen Spitzengastronomie.

Glücklicherweise gehört geradein der Sterneküche und Spitzengastronomie die Skepsis gegenüber jungen, attraktiven Frauen mittlerweile der Vergangenheit an. „Die Hälfte aller Sommeliers sind inzwischen Frauen“, schätzt Natalie Lumpp, Sommelière und Kolumnistin der Frauenzeitschrift „Brigitte“. Ihr neues Buch „Wein – was sonst?!“ ist beste Frauenlektüre: Darin erklärt Lumpp nicht nur, wie und woran man einen guten Wein erkennt. Sondern auch welche Gläser am besten zu welchem Wein passen („ein leichter fruchtiger Rotwein kommt in einem mittelgroßen, nach oben hin gezogenen Glas richtig zur Geltung“) und welcher Wein am besten zu Artischockengratin und Penne Gorgonzola schmeckt. Die Leser lernen aber auch, ob Riesling tatsächlich schlank macht. Und das ist – nicht nur für Frauen – schließlich keine ganz unwichtige Frage.