Welt am Sonntag

Datum: 5. Februar 2017

Druckansicht

WamS_Sie-nennen-es-Arbeit_1-58b596a239.jpg

Sie nennen es Arbeit

Coworking-Spaces machen vor, wie man Büros zeitgemäß
einrichtet. Zehn Tipps für einen schöneren (und auch effizienteren)
Arbeitsplatz.

Wer selbstständig arbeitet, kann das heute fast überall Seite an Seite mit anderen Menschen tun, dank sogenannter Coworking-Spaces. Und wer sich die Räumlichkeiten der neuen Arbeitsnomaden anschaut, versteht sofort, warum Leute Geld bezahlen, um darin ihr Laptop aufklappen zu dürfen: Die neuen Büros sind verspielt, bunt, manchmal sogar ein bisschen albern. Einrichtungstipps frisch aus der neuen Arbeitswelt.

1. RÄUMCHEN WECHSLE DICH
Der französische Schriftsteller Honoré de Balzac nannte das Büro 1838 noch die „Schale des Beamten“. Heute sterben die eigenen vier Wände in Firmen aus. Groß, weit, offen sollen Arbeitsbereiche sein – und neuerdings nun auch noch flexibel. Denn wie eine aktuelle britische Studie besagt, sind wir am innovativsten, wenn wir beim Arbeiten immer wieder die Art unserer Umgebung wechseln können. Heißt: In einem Großraumbüro sollte es neben offenen Bereichen auch Rückzugsorte geben und Treffpunkte, an denen man sich austauscht oder einfach mal zusammensitzt.

Designer entwerfen deshalb Möbel, mit denen man kleine Nischen bilden kann, wie zum Beispiel mit der von PearsonLloyd entwickelten Reihe „Zones“ für Teknion oder mit den „Alcove“-Entwürfen von Ronan und Erwan Bouroullec für Vitra. Bei dem System „Hack“ von Konstantin Grcic lässt sich der Arbeitsplatz zu einer flachen Kiste zusammenklappen, wegrollen und woanders wieder aufbauen. Und der „Mindport“ von Lista Office ist ein würfelf.rmiger Ruheraum, den man quasi überall aufstellen kann.

In den Räumen von Mindspace, Anbieter von schicken Coworking-Spaces aus Tel Aviv mit Ablegern in Berlin und Hamburg, ermöglichen rote Telefonzellen, Konferenzkabinen und die sogenannten Loveseats (kleine Separees) für intime Gespräche. Und in den Kaffeestationen soll nicht nur der Sü.stoff, sondern auch der Austausch fließen.

Um den Geräuschpegel auch außerhalb der privaten Zonen niedriger zu halten als im Stadion des FC Liverpool, raten Innenarchitekten zu Deckensegeln. Die sind im Zweifel für die Arbeitsatmosphäre mehr wert als zwei Eames-Lounge-Chairs. Grünpflanzen mit großen Blättern schlucken ebenfalls Lärm. Und wenn Sie die Schreibtische versetzt zueinander aufstellen, redet man aneinander vorbei. Was in diesem Fall mal ein Vorteil ist.

2. BLICK FREI!
Nein, nicht jeder kann das Eckbüro haben. Oder wenigstens einen Fensterplatz mit Aussicht. „Aber auch wenn man nicht den schönsten Blick hat – ein Horizont, auf dem sich die Augen ausruhen können, ist der Schlüssel zur Produktivität,“ meint Ashley Couch, verantwortlich für das Design bei WeWork, dem weltweit größten Anbieter von Coworking-Space. Tatsächlich sollte man gelegentlich mal vom Bildschirm aufschauen. Und wenn der Blick dann auf eine weiße Wand, einen nichtssagenden Raumtrenner oder einen Stapel Kartons prallt, wird es höchste Arbeitszeit, sich eine Augenweide zu suchen. „Am besten
ein Naturbild, etwas, das Sie beruhigt“, empfiehlt die Interiordesignerin. „Wir lassen unsere Wände von lokalen Künstlern dekorieren und verwenden lebendige Farben“, sagt Dan Zakai, Mitgründer und CEO von Mindspace. Man findet aber auch auf Internetseiten wie Juniqe oder Society6 Blickfänger – zum Beispiel von Zweigen einer Trauerweide oder zwei verliebt verschlungenen Quallen.

3. OFFICEHOME
STATT HOMEOFFICE
Die Arbeit verfolgt uns bis nach Hause: Abends schnell noch eine Mail beantworten oder für morgen etwas ausdrucken, das macht jeder. Wäre es da nicht nur konsequent, wenn das Büro der eigenen Wohnung gleicht? „Wenn unser Arbeitsplatz sich mehr nach uns anfühlt, sind wir entspannter und wir arbeiten effizienter“, meint zumindest Ashley Couch. Holen wir uns also heimelige Atmosphäre ins Büro: Dafür würde die Innenarchitektin sich einen kleinen Bereich schaffen, an dem man fernab seines Schreibtisches arbeiten kann, ausgestattet mit einem gemütlichen Sessel oder einem kuscheligen Sofa. Vor allem Festangestellte bekommen das nur schlecht bei ihrem Chef durch. „Dann bringen Sie sich wenigstens ein buntes oder gemustertes Plaid mit oder eine Strickjacke, in die Sie sich einkuscheln können“, rät Couch.

4. LEBEN IN DER BUDE
Pflanzen sind nicht nur exzellente Luftreiniger und sorgen für mehr Sauerstoff und Feuchtigkeit im Raum – sie vermitteln auch noch ein gutes, lebendiges Gefühl. Gerade dann, wenn man in einem ansonsten kühlen Ambiente arbeitet. „Stellen Sie Pflanzen unterschiedlicher Größe überall im Büro auf“, rät Ashley Couch. Angesagtes Grün sind Sukkulente, Monstera, Calathea und Dieffenbachie. Couchs Tipp: „Schlangenpflanzen oder Zamioculcas. Beide schön anzuschauen und fast nicht tot zu kriegen.“ Seine neuen Mitbewohner platziert man am besten nicht einfach in einem 08/15-Tontopf auf dem Boden, sondern lässt sie mal raufranken oder runterhängen, pflanzt sie in eine alte Metallwanne oder begrünt mit ihnen Holzkästen, die an der Wand schweben.

5. DAS WIR
Arbeit ist das halbe Leben, Community die andere Hälfte. Eine gute Bürogemeinschaft kümmert sich nicht nur darum, dass alle inspiriert und ungestört produktiv sein können, sondern auch darum, dass das Team etwas miteinander anfängt, beruflich, versteht sich. Bei Mindspace gibt es deshalb regelmäßig Workshops, Vorträge oder auch eine Happy Hour, zum Beispiel mit russischem Buffet und Wodka für alle.

6. WORK HARD, PLAY HARD
Dass bei einem Start-up kein Weg am Kicker vorbeigeht, weiß man inzwischen – und mag das bemüht finden. Tatsächlich kann ein wenig unbeschwerte Ablenkung im Büro aber hilfreich sein. Schließlich kommen uns die besten Ideen selten, wenn wir am Schreibtisch sitzen und auf den Rechner starren. Es müssen ja nicht gleich ein Besprechungs-Baumhaus oder eine sieben Meter hohe Kletterwand sein, obwohl es die selbstverständlich auch gibt. Im Coworking-Space „utopic_US“ in Madrid sieht es zum Beispiel eher so aus, als wären Kinder zu Besuch gewesen und hätten überall ihre Sachen liegen gelassen. Hängesessel, eine Schaukel und bunte Karpfendrachen baumeln von der Decke. Über einem Bereich spannt ein Netz, in dem Gymnastikbälle und manchmal auch Coworker liegen – die wahrscheinlich gerade mit ihren Gedanken spielen.

7. WENIGER PLATZ, WENIGER CHAOS
Während die Büros immer größer werden, schrumpfen die Schreibtische. Denn da immer weniger auf Papier erledigt wird, Rechner und Smartphones alle möglichen Büro-Utensilien wie Kalender oder Taschenrechner ersetzen, brauchen wir kaum noch Platz, um etwas anderes als unseren Laptop abzulegen. Auch Schubladenschränke, in denen sich eh nur Büroklammern und alte Gummibänder ansammeln, verlieren ihre Existenzberechtigung und verschwin den. Für Klein- und Privatkram werden stattdessen Spinte aufgestellt, und einige Büros haben bereits die „Clean Desk Policy“ eingeführt: Jeden Abend muss der Schreibtisch blitzeblank geräumt werden. Denn wer weiß, wer am nächsten Tag daran Platz nehmen wird? So verschwindet das Chaos am Arbeitsplatz – und damit einer der häufigsten Gründe zum Prokrastinieren.

8. HELL WIE DER TAG
Tageslicht sorgt dafür, dass wir uns besser fühlen und produktiver sind. Wenn man also die Wahl hätte, säße man am besten im obersten Stockwerk an einem riesigen Fenster. Hat man aber nicht. Und deshalb versucht man nun, selbst im Keller beste Arbeitsstimmung zu produzieren. Mitarbeiter des Fraunhofer-Instituts sitzen im „LightFushionLab“ in einem fensterlosen Konferenzraum unter einer blau leuchtenden Decke, über die weiße Wolken ziehen, die das virtuelle Tageslicht wechseln lassen. Im Versuch hatten die Mitarbeiter den Eindruck, unter freiem Himmel zu arbeiten. Sie waren wacher, leistungsstärker und konnten sich besser konzentrieren. Wer ähnliche Effekte in seinem Büro erzielen will, braucht Licht von oben (dazu eine zweite Lampe an oder auf den Schreibtisch stellen) und sollte auf die Farbtemperatur achten. 5500 bis 5800 Kelvin entsprechen der Mittagssonne und machen besonders produktiv. Da man aber nicht die ganze Zeit durchpowern kann, sollte man das Licht in den Pausen oder bei Besprechungen verändern können. Wenn die Wände und Decken in hellen Farbtönen gestrichen sind, verteilt sich das Licht besser im Raum und die Augen müssen sich nicht immer zwischen hellem Rechner-Bildschirm und dunklen Wänden anpassen.

9. INSPIRATION IST ÜBERALL
Was einen auf wirklich gute Gedanken bringt, kann vorher niemand wissen. Deshalb legen sich Coworking-Spaces bei der Ausstattung ihrer Räume mit Stehrumchen ins Zeug. In einem grasgrün gestrichenen Regal bei Mindspace stehen so unter anderem ein altes Radio, Blasinstrumente, ein gerahmtes Kinderbild, eine Mini-Beethoven-Büste, ein Holzdinosaurier und eine Kuckucksuhr. Bei WeWork passiert man auf dem Weg zum Arbeitsplatz ein verschlungenes Kupfergebilde, eine Stoffrobbe und Porzellan-Kakteen. Vorsicht nur bei echter Kunst: Ein schwarzes Schaf gibt es in jedem Büro, und man möchte nicht am Morgen auf eine plötzlich wieder weiße Wand starren.

10. ABTAUCHEN
Wer sich nicht am Schreibtisch ankettet, hat mehr vom Leben. Gelegentlich aufzustehen und rumzulaufen hilft einem, den Kopf für neue Gedanken freizubekommen. Alternativ könnte man auch mal in den Pool oder den Ozean springen, wie man es auf Bali macht. Seit gut drei Jahren schießen auf der indonesischen Insel Coworking-Spaces aus dem Boden. Die digitalen Nomaden arbeiten dort locker in Flip-Flops und mit nassem Haar. Nun können nicht alle zum Arbeiten nach Bali reisen, mobil kann man aber auch in der eigenen Stadt sein. Was früher Homeoffice war, heißt heute „remote work“ und bedeutet, dass wir einfach irgendwo arbeiten: auf der Dachterrasse, im Café oder eben auch am Pool. Im Berliner Soho House gibt es im Erdgeschoss einen Coworking-Space, oben auf dem Dach einen Mini-Pool. Auch wenn der Blick auf den Alex und nicht auf Bananenpalmen fällt.