Welt am Sonntag

Datum: 6. März 2016

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Pippi schlägt sie alle

Sind Kinderbuchhelden schlechter Umgang oder Freunde fürs Leben? Drei Experten bewerten alte und neue Kinderbuchhelden

Manchmal kann einem Pippi Langstrumpf auch ganz schön auf die Nerven gehen. Dann nämlich, wenn die Tochter beim Abendessen genüsslich grinsend die Füße auf den Tisch legt und sagt: Das macht die Pippi doch auch immer so. Ganz anders Conni: Gut, die nervt mit ihrer absoluten Durchschnittlichkeit, der feschen roten Schleife im Haar und der biederen Familie. Trotzdem hat diese Latzhosenträgerin der Tochter beigebracht, dass sie niemals mit Fremden mitgehen darf und wie man sich brav beim Kinderarzt untersuchen lässt.

Kaum etwas prägt Kinder wohl so sehr wie ihre Buchhelden: Die vorlaute Hexe Bibi Blocksberg, ein eher schlichter Drache namens Kokosnuss oder das herzige Mädchen Laura, das sich in allen Lebenslagen von einem stummen Stern beraten lässt.

Viele Geschichten mit diesen Figuren sind für Erwachsene beim Vorlesen so langweilig, dass sie dabei sofort einschlafen möchten, andere erscheinen überraschend derb, manche wirken eher dümmlich. Da fragt man sich unweigerlich: Ist das eigentlich der richtige Umgang für mein Kind?

„Eltern sollten nicht davon ausgehen, dass Buchfiguren Vorbilder sind“, beruhigt Dr. Susanne Helene Becker, Literaturdidaktikerin und -wissenschaftlerin an der Goethe-Universität Frankfurt. Auch wenn die Tochter nach der „Pippi Langstrumpf“-Lektüre mal rebellisch wird, sei das kein Grund zur Sorge. Denn schlagen Kinder ein Buch auf, dann ist ihnen allein schon durch diesen Akt bewusst, dass jetzt eine Geschichte beginnt – und kein Lebensratgeber. Stattdessen kann so ein aufmüpfiger Held sogar als Ventil dienen: Gibt man einem Kind den Zugang zu einer anarchischen Welt in einem Buch, lebt es seine Freude daran dort aus – und kann danach erst mal wieder brav sein.

Trotzdem ist es natürlich wichtig, was man vorliest oder womit die Tochter oder der Sohn lesen lernt. „Gute Literatur bietet einen Anlass über die Welt und sich selbst nachzudenken, die Welt als Entwurf zu verstehen. Auf Ideen zu kommen, wie man auch denken oder fühlen kann“, meint Becker. Sei Literatur deutungsoffen, dann fördere sie die Imaginationsfähigkeit von Kindern. Und Conni sei dafür zum Beispiel eher schlecht geeignet. Die Bücher sind schlichte Welterklärung.

Welcher Held ist also der richtige für mein Kind? „Kinder brauchen Helden zum Aufschauen, Helden auf Augenhöhe, Helden, denen sie sich überlegen fühlen – und das in einer geschickten Mischung“, sagt Becker. Klingt kompliziert? Es wird noch komplizierter: Denn wer für wen, was sein kann, das hängt natürlich auch noch vom Kind ab. Für manche ist zum Beispiel der „tiefbegabte“ Rico schon jemand auf Augenhöhe. Autor Andreas Steinhöfel hat großen Erfolg mit Lesungen in Förderschulen.

Manche Kinder möchten am liebsten von Figuren hören, die ihnen ähnlich sind. Andere brauchen Ferien vom eigenen Ich. Die Wiener Kinderbuch-Autorin Christine Nöstlinger drückte das sinngemäß einmal so aus: Ein Kind, dessen Eltern sich gerade scheiden lassen und das sitzen bleiben wird, möchte in den Sommerferien vielleicht nicht gerade ein Buch lesen über ein Kind, dessen Eltern sich gerade scheiden lassen und das sitzen bleibt. Doch jedes Mädchen und jeder Junge verarbeitet anders. So wie sich der eine Erwachsene bei Liebeskummer einigelt und der andere sich lieber beim Ausgehen ablenkt.

Welcher Held Ihrem Kind gefallen könnte – und wen Sie gern und ohne Bedenken ins Kinderzimmer lassen dürfen, lesen Sie auf dieser Seite. Wir haben drei Experten um ihre Einschätzung von sieben der populärsten Kinderbuchfiguren gebeten. Dr. Susanne Helene Becker ist Literaturwissenschaftlerin an der Goethe-Universität in Frankfurt, 1. Vorsitzende im Arbeitskreis für Jugendliteratur und Autorin von „99 neue Lesetipps. Bücher für Grundschulkinder“.

Monika Trapp leitet die „Buchhandlung in der Villa Herrmann“ in Ginsheim-Gustavsburg. Sie ist Redakteurin des unabhängigen Kinder-Medien-Magazin „HITS für KIDS“.

Frank Sommer betreibt eine Leseförder-Agentur und engagiert sich für Kinder und Jugendliche aus lesefernen Familien.



CONNI
1992 durfte das brave Mädchen von nebenan (blonder Zopf, Ringelshirt) erstmals in den Kindergarten gehen, später lernte sie Rad fahren, backen, die Uhr lesen. Heute ist die Figur von Lehrerin Liane Schneider 15 Jahre alt, hat eine Clique und einen Freund. Becker: Die Figur ist utilitaristisch angelegt, das Erzählkonzept das eines Benimmbuches, die Lebensthemen werden normenkonform dargestellt. Irgendwann gibt es sicher auch „Conni und das Klimakterium“ oder „Conni geht in Rente“. Auch optisch wegen des verniedlichenden Illustrationsstils kein Beitrag zur ästhetischen Entwicklung. Ein Kennenlernen am besten vermeiden. Sommer: Mit Conni durch alle Altersstufen und Lebenslagen – das ist das Erfolgsrezept dieser modernen Mädchenfigur. Vom Pixie-Buch bis zur Pubertätslektüre, ein richtig schönes Buch für Mami und Tochter. Trapp: Ein Phänomen. Mütter verzweifeln, Kinder wollen immer wieder Conni. Conni durchlebt beispielhaft aufregende Lebenssituationen. Diese zuverlässige Gefährtin erkennen Kinder – wegen der schlichten Zeichnung – überall. Die Freundschaft hält bis ins Grundschulalter.

BIBI BLOCKSBERG
Die 13-jährige Hexe, 1980 von der Britin Elfie Donnelly erfunden, lebt mit ihrer Mutter, die ebenfalls Zauberkräfte besitzt, und einem „normalen“ Vater in einer deutschen Kleinstadt. Ihre Abendteuer meistert sie mit schlicht gedichteten Sprüchen wie „Eene meene Socken, Kleid sei wieder trocken. Hex-hex!“ Becker: Was bringen die „Blocksberg“-Geschichten ihren Leserinnen? Geschlechtsrollenklischees (der Mathe-Nerd mit Brille, die Junghexe Arkadia), Gutmenschentum (die Junghexen Xenia und Flauipaui) und die Gewöhnung an die leicht zu konsumierende Bilderwelt von japanischen und amerikanischen Animationsfilmen. Offenbar war sie als Nachfolgerin von Otfried Preußlers „Die kleine Hexe“ gedacht, doch sie soll lieber draußen bleiben aus den Kinderzimmern. Sommer: Diese Mutter-ist-Hexe-der-Papa-Normalo-Familie und der Kinderwunsch schnell –„Hex-hex“ – alles herbeizaubern zu können, gibt es auch in aktuelleren Büchern. Trapp: War in den 1980ern ordentlich geschriebenes Lesefutter, aber dann … Ich weiß gar nicht, wann ich eines ihrer Abenteuer zuletzt bestellt habe. Muss nicht sein.

DAS SAMS
Das geschlechtsneutrale Wesen, 1973 von Paul Maar erfunden, hat eine Rüsselnase, rote Borstenhaare, Froschfüße und Trommelbauch. Mit den blauen Punkten in seinem Gesicht kann es Wünsche erfüllen. Becker: Ein magischer Helfer, der Herrn Taschenbier neues Selbstbewusstsein und Lebensmut gibt. Das Sams ist in der starken Rolle und animiert seine Leser dazu, sich ebenfalls als Helfer zu imaginieren. Das passt zum Verantwortungsgefühl mancher Kinder, die sich um das Wohl ihrer Eltern sorgen. Dass darin auch eine Last liegt, sollte man als Erwachsener nicht vergessen. Sommer: Die idealen Geschenkebücher für Großeltern, Tanten, Leseonkels. Vorlesen und mitlachen – die Sprachwitze sind auch für Erwachsene toll. Trapp: Steht für die kindliche Sehnsucht, endlich groß zu sein und alles zu dürfen. Das Sams agiert furchtlos, der ängstliche Herr Taschenbier steckt in der „ohnmächtigen“ Kinderrolle. Kinder gehen ganz auf in dieser Figur, die alles wörtlich nimmt und Reime liebt. Unverzichtbar auch für Eltern.

DER GRÜFFELO
Erfunden hat ihn 1999 die britische Autorin Julia Donaldson, aber zum Leben erweckt wurde er vom Hamburger Illustrator Axel Scheffler. Und obwohl bei dem Buch jeder sofort an das Monster mit den „feurigen Augen“ und der „grässlichen Warze“ denkt, ist die Maus der Held. Listig vermeidet sie es, gefressen zu werden, indem sie den Grüffelo erfindet. Becker: Hier erfahren Kinder intuitiv, was das Wesen des Fabulierens ist. Die gereimten Verse sind schlicht, und animieren zum Mitsprechen; die Geschichte in ihrer Kettenstruktur eingängig. Guter Beitrag zur literarischen Bildung. Sommer: Mittlerweile ein moderner Vorlese-Klassiker. Kinder entdecken in den Bildern viel mehr als Erwachsene und gewinnen Spaß an Reimen und Sprache. Begeisterte Eltern kaufen nach der deutschen Fassung gern mal die englische, spanische, französische … Trapp: Unumgänglich. Liebe Eltern, trauen Sie sich, die Reime mit aller Emphase vorzulesen. Ihre Kinder durchleben eine ganze Gefühlspalette und am Ende den Triumph über ihre unbändige Furcht. Hier stimmt das ganze Zusammenspiel: origineller Text, künstlerisches Bild, stimmige Aussage.

PIPPI LANGSTRUMPF
Das stärkste Mädchen der Welt ist neun Jahre alt und lebt ohne Eltern (Mutter: gestorben, Vater: Südseeinselkönig), dafür mit Pferd, Meerkatze und einem Koffer voller Goldstücke in der Villa Kunterbunt. Astrid Lindgren erfand die Figur 1941 für ihre kranke Tochter. Becker: Für viele Sinnbild einer emanzipatorischen Heldin mit anarchischem Potenzial. Doch wie oft ist Pippi einsam oder traurig? Und wird nicht auch erzählt, wie man sich „eigentlich“ beim Kaffeekränzchen oder in der Schule verhält? Für Annika und Thomas – und also auch für den Leser – bedeutet die Freundschaft mit Pippi Urlaub vom braven Leben. Durch das Hineinfantasieren in eine elternlose, also freie Welt können Kinder Imaginationsfähigkeit entwickeln. Sommer: Ohne Pippi keine moderne Kinderliteratur. Das aufgeweckte, schlagfertige und lebensfrohe Mädchen ist Vorbild vieler aktueller Mädchenfiguren. Ein Muss in jedem Kinderzimmer. Trapp: DIE Sehnsuchtsfigur für Mütter und Kinder. Unangepasst, neugierig und mutig stellt sie die geregelte Welt infrage. Dabei handelt sie sehr empathisch. Plutimikation braucht man ja nicht unbedingt. Aber Zivilcourage! Zeitlos gut.

DIE OLCHIS
Happy Gefurztag! Seit 25 Jahren gibt es die kleinen grünen Wesen von Erhard Dietl. Die müffelnde Familie besteht aus drei Generationen und wohnt auf der Müllkippe von Schmuddelfing. Hier wird Schuhsohle gegessen, Stinkerbrühe getrunken, im Schlamm gebadet – und gefurzt. Becker: In jeder Hinsicht beste Freunde – mit Humor, Fabulierspaß und Sprachwitz. Lustvolle Anarchie für den Leser, aber im Werte- und Normensystem der Olchis vollkommen normal. Diese grotesken Übertreibungen zeigen ohne Nebenwirkungen, wie Inkongruenzhumor funktioniert. Sommer: Ein Erfolg, der den Kindern zu verdanken ist. Herrlich schräge Wortspiele, lustige Geschichten und immer wieder neues Lesefutter. Bei den „Olchis“ können sich auch wohlerzogene Mädchen und Jungen sprachlich ausleben. Trapp: Sie pupsen und schimpfen – und hatten so lange ein Alleinstellungsmerkmal. Nun lösen neue Figuren wie die Vulkanos die „Olchi“-Abenteuer ab. Kinder lieben diesen Humor. Eltern haben bei ihrer Entscheidung wenig mitzubestimmen. Seien Sie milde: Lese-Starter erlangen durch die wiederkehrende Struktur Textsicherheit.

RICO & OSKAR
„Tiefbegabt“, so nennt sich die 2008 von Andreas Steinhöfel erfundene Figur selbst. Denn der sonnige Junge aus Berlin-Kreuzberg denkt etwas langsamer als die meisten. Oskar ist schlau, speziell und Ricos erster echter Freund. Becker: Das Herz aller schmilzt angesichts eines solch liebenswürdigen Anti-Helden. Vor allem das jener Kinder, die eher langsam und verträumt durch ihren Alltag gehen. Ein ebenso toller Freund für Ihr Kind wie der hochbegabte, aber eher düster gestimmte Oskar, denn Menschen sind nun mal vielschichtig. Sommer: Das neue Berlin-Buch mit Patchwork-Familienbild. Kästner-Preisträger Steinhöfen darf in keinem leseengagierten Haushalt fehlen. Spannung, Witz und Charme für alle, die gern lesen und sich auf hohem Niveau unterhalten lassen wollen. Trapp: Eltern sind entsetzt, weil ihre Welt so ungeschönt erscheint, die Nachbarin graue Tage kennt und die Mutter im Nachtklub arbeitet. Kinder brauchen Rico und Oskar, weil sie so wahrhaftig sind. Und weil so viel Liebe und Spannung und Klugheit im Buch steckt. Ein MUSS!