Welt am Sonntag

Datum: 15. Januar 2017

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Papa braucht ’ne Pause

Auch Männer kämpfen mit der Doppelbelastung durch Beruf und Familie. Auf Vater-Kind-Kuren lernen sie, besser damit umzugehen – und mit der Kritik der Mütter an ihrer Erziehungsarbeit

Die Männer beginnen zaghaft. Einer streicht über das Monochord, eine Art Harfe in seiner Hand. Sein Sitznachbar bläst verhalten in die Melodica. Ein anderer im Stuhlkreis schüttelt die Schellen des Tambourins. Nur ab und zu bricht einer der Männer aus, spielt sein Instrument lauter, ein paar Töne schneller. Danach ist wieder Ruhe. Bis der Mann mit dem Monochord sich eine Conga nimmt und wild mit den Händen darauf eintrommelt. Auch der Sitznachbar bläst nun heftig in seine Melodica. Wahrscheinlich ist das jetzt ein Streit zwischen Vater und Kind.

Denn was hier gespielt wird, ist die musikalische Interpretation von Vatergefühlen. Im Musikraum der Hochgebirgsklinik Mittelberg sollen Männer unter Anleitung einer Therapeutin zum Ausdruck bringen, was es für sie bedeutet, Kinder zu haben. Zuvor hatten die Väter es schon überraschend offen und liebevoll in Worte gefasst: Es ging um den Streit am Morgen, wenn alle im Stress sind, um Verantwortung und Angst, aber auch um Schlaflieder, das Beobachten des sinnfreien Spiels der Kinder oder darum, wie gut es sich anfühlt, nach der Arbeit einfach alles loszulassen, „wenn die kleine Maus mich drückt“, sagte einer.

Die Väter im Musik-Stuhlkreis gehören zu einer Gruppe von 15 Männern, die eine dreiwöchige Vater-Kind-Kur des Müttergenesungswerks beantragt und bewilligt bekommen haben – und damit im Trend liegen. Denn schon 2015 ist die Zahl der Väter, die solch eine Kur gemacht haben, um knapp ein Viertel gestiegen, auf über 1500. Im vergangenen Jahr war der Bedarf noch größer. Bereits in den ersten sechs Monaten besuchten 800 Männer eine Kur, sagt Anne Schilling, Geschäftsführerin des Müttergenesungswerks. Für das gesamte Jahr 2016 rechnet sie daher mit einem weiteren Anstieg.

Das liegt auch daran, dass es die viel zitierten neuen Väter, die sich neben dem Beruf auch stark in die Kindererziehung einbringen, längst gibt. Zwar sind sie noch nicht in der Mehrheit, aber ihre Zahl wächst. Dem Institut für Demoskopie Allensbach zufolge möchten sich heute rund 70 Prozent der Männer mehr an der Erziehung und Aufsicht ihrer Kinder beteiligen als die Väter ihrer Elterngeneration. Sie bewerten das als persönlichen Gewinn. 58 Prozent wollen mindestens die Hälfte der Kinderbetreuung
übernehmen.

In der Realität sieht es dann zwar immer noch etwas anders aus. Da ist es nur ein Viertel aller Väter, das sich die Familienarbeit gleichberechtigt mit ihrer Partnerin teilt. Aber immerhin hat die Zeit, die die Männer mit ihren Kindern verbringen, in den letzten zehn Jahren zugenommen, um durchschnittlich zehn Minuten am Tag. Ein Indikator dafür, dass selbst die ganztägig Berufstätigen versuchen, sich mehr mit ihren Kindern zu beschäftigen.

Lange Zeit richteten sich Angebote wie die des Müttergenesungswerks nur an Frauen, die von der Doppelbelastung durch Beruf und Familie eine Auszeit brauchten. Erst seit 2002 haben auch Väter gesetzlich Anspruch darauf. Anfangs saßen sie noch vereinzelt mit den Müttern im Stuhlkreis. „Aber das hat nicht funktioniert“, sagt Anne Schilling. Deshalb bietet das Müttergenesungswerk inzwischen in 16 von 76 Einrichtungen spezielle Kuren an, bei denen Männer unter sich sein können.

Die Hochgebirgsklinik Mittelberg ist eine davon. Sie liegt am Rande des gleichnamigen Luftkurortes im Oberallgäu auf 1000 Meter Höhe. Vor den Türen des fast 100 Jahre alten Gebäudes läuten die Kuhglocken und ein Bach plätschert. Es riecht nach Stall. Drinnen erinnern der Geruch der Putzmittel und die bunten Quadrate auf sonnengelb gestrichenen Wänden an ein Schullandheim.

Seit acht Jahren führt die Klinik Vater-Kind-Maßnahmen durch, viermal im Jahr und parallel zu den Mütter-Kind-Kuren, die durchgängig stattfinden. Auf den Tagesplänen, die die Väter in einem Schnellhefter mit sich herumtragen, steht das Programm für die Zeit zwischen 8.30 und 16 Uhr: von Massage und Fango über Bewegungstherapie bis hin zu Gruppengesprächen über Erziehungsprobleme, Arztvorträge über die
eigenen Rückenschmerzen oder das ADHS-Problem des Kindes. Der Nachwuchs wird betreut, es gibt sogar eine hauseigene Schule, in der sechs Lehrer unterrichten.

Die Väter, die aus ganz Deutschland anreisen, sind auf den ersten Blick ein bunt zusammengewürfelter Haufen mit wenigen Berührungspunkten. Da ist zum Beispiel der Flughafenreferent, Vater dreier Kinder, im rosafarbenen Poloshirt und mit Desert Boots an den Füßen. Der alleinerziehende Brauerei-Schichtarbeiter mit Leder-Halskette und Ring im Ohr. Oder der verwitwete Lehrer in grau gestreiftem Hemd, dessen zehnjähriger Sohn bald Ritalin bekommen soll. „Eines haben alle gemeinsam“, sagt die leitende Sozialpädagogin der Klinik, Johanna Gärtner. „Sie sind sich ihrer Verantwortung als Vater bewusst – und nehmen sie auch ernst.“

Für Steven Blume, 42, der mit zwei seiner drei Kinder zwischen vier und zehn Jahren in Mittelberg kurt, wäre nie etwas anderes infrage gekommen. Er und seine Frau seien sich von Anfang an darüber einig gewesen, alle Familienoder Alltagsaufgaben zu teilen. „Ich nehme mir Homeoffice-Tage, mache, wenn möglich, mit den Kindern Hausaufgaben und denke auch hin und wieder daran, ihnen die Fingernägel zu schneiden“, sagt der Flughafenreferent.

Doch alles gleichzeitig und gleichberechtigt machen zu wollen bringt Mütter wie Väter schnell an die Grenzen ihrer Belastbarkeit: Fast 70 Prozent der Väter und 87 Prozent der Mütter, die eine Kur machen, leiden laut Müttergenesungswerk unter einem Erschöpfungssyndrom bis hin zum Burn-out.

„Wenn wir fit bleiben wollen, dann müssen wir auf uns aufpassen“, sagt Blume. Die Kur sei für ihn geschenkte Zeit und eine Möglichkeit, die Akkus aufzuladen. Die Vorsorge-Maßnahmen sind ihm dabei wichtig, aber auch der Austausch mit anderen Vätern: „Wir sind hier unter Gleichgesinnten in einem geschützten Raum – da macht man auf, ist bereit aus sich herauszugehen.“

Und das ist für die Männer eine fast schon einmalige Gelegenheit. Denn während vielen Frauen nachgesagt wird, dass sie – sobald sie Mutter geworden sind – nur noch über ihre Kinder redeten, halten sich Väter da eher zurück: „Berufliche Ambitionen, Sport oder Geld sind dann doch eher klassische Männerthemen“, sagt Blume.

Dass Männer auf einer Kur in der Regel mehr Raum für Gespräche brauchen als Frauen, hat auch die Therapeutin Johanna Gärtner beobachtet. So führte ein in der Klinik gezeigter Film zu langen und leidenschaftlichen Diskussionen unter den Vätern, noch Tage später sprachen sie über „Wege aus der Brüllfalle“, über die Spielblase, die ein Kind umgibt, und Erziehungsmuster, in die man verfällt. Auch den Teilnehmerinnen der parallel laufenden Mutter-Kind-Kur wurde das pädagogische Lehrstück gezeigt. Darüber sprechen wollten sie jedoch kaum.

Viele Männer wollen auf der Kur einfach nur erzählen, auch mal Schwäche zeigen dürfen. Und hören, dass sie gewürdigt werden. „Diese Hochachtung, dass mal einer sagt: ‚Sie leisten da einen wertvollen Beitrag‘, das scheint ihnen zu Hause zu fehlen“, sagt Gärtner.

Tatsächlich tun sich Mütter mit Zuspruch häufig schwer. Die mangelnde Begeisterungsfähigkeit für die Leistung der Väter nennt die Psychologin Lieselotte Ahnert „mütterliches Gatekeeping“: Sie kritisieren viel und wissen fast alles besser – um ihre klassische Mutterrolle zu verteidigen. Bei einer Kur können Männer drei Wochen lang Vater sein, ohne dass ihnen die Mutter reinpfuscht.

Trotzdem sind es im Vergleich zu den Müttern (49.000 im Jahr) immer noch wenige Väter, die eine Kur beantragen. „Viele wissen einfach nicht, dass es solche Angebote gibt“, erzählt ein alleinerziehender Vater. Sein heute zehnjähriger Sohn war drei Jahre alt, als seine Frau und er sich trennten. Bei einem sogenannten Stabilisierungskurs der Caritas für Trennungskinder hörte er damals zum ersten Mal von der Maßnahme – und kurte anschließend mit seinem Sohn an der Ostsee. Der Aufenthalt in der Hochgebirgsklinik ist seine zweite Kur.

Selbst Hausärzte sind nicht immer über das Angebot von Väter-Kuren informiert. Oder sie winken häufig einfach ab: „Ach, Sie haben doch gar nichts.“ Und da es Männern tendenziell schwerfällt, sich Hilfe zu suchen und diese anzunehmen, sagen sich die meisten dann: „Es geht auch ohne.“

So war es auch bei Ibrahim Isiktas: Obwohl der vierfache Vater sich „psychisch kaputt“ fühlte, nachdem seine Frau ihn verlassen hatte, und er mit den Kindern allein zurück blieb, fiel es ihm nicht leicht, sich das einzugestehen. „Ich hatte ein großes Problem damit, herauszuschreien: ‚Helft mir!‘“, sagt der 52-Jährige. Nur wegen der Kinder begann er irgendwann doch, nach Unterstützung zu suchen.

Viele Väter werden durch Mund-zu-Mund-Propaganda auf die Kuren aufmerksam. Manchmal empfiehlt auch die Partnerin, die selbst schon einmal eine Mutter-Kind-Kur gemacht hat, dem Mann, einen Antrag zu stellen. „Meine Frau hat gesehen, wie gestresst und launisch ich war, und dass ich auch mal explodiert bin“, sagt ein Vater, der mit seiner sechsjährigen Tochter in der Klinik ist. Er ist Sozialarbeiter, 48, und hat mit seiner Frau noch zwei ältere Kinder. An einem Tag in der Woche macht er für einen Kindernachmittag früher Feierabend. Doch dann raunen einige Kollegen: „Jetzt geht der schon wieder um 15 Uhr.“ Für ihn völlig unverständlich: „Warum muss ein Mensch mit Kindern genauso viel arbeiten wie ein Mensch ohne? Man sorgt mit den Kindern doch auch für die Zukunft.“

Am Ende der dreiwöchigen Kur schauen entspannte Gesichter in die Runde. „Gut gestärkt“ fühlen sich die Väter. Auf die Frage, was sie mit nach Hause nehmen, kommen allerdings eher verhaltene Reaktionen. Alle wollen versuchen, sich auch im Alltag „Inseln zu schaffen“, Auszeiten, in denen sie sich entspannen und für Ausgleich sorgen: „Ich werde mir bei der Arbeit auch mal Raucherpausen gönnen, obwohl ich gar nicht rauche“, so ein Vorsatz.

Ein weiterer: Noch mal kuren. Fast alle Männer in der Gruppe planen, erneut eine Maßnahme zu beantragen. In vier Jahren, wenn ihnen wieder eine Vater-Kind-Kur zusteht.