Welt am Sonntag

Datum: 15. Oktober 2006
Fotos: Stockfood

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Gut gemeint, aber falsch dosiert

Zu viel Sport macht matt und müde, Überdosen an Vitaminen können tödlich sein, und immer nur frisches Grünzeug macht nicht gesund, sondern krank. Deshalb ist weniger manchmal einfach mehr

Heute schon übers Essen nachgedacht? Vielleicht mehrere Stunden damit verbracht, Kalorien- und Nährwerttabellen rauf und runter zu rechnen? Überlegt, ob die Banane oder der probiotische Joghurt Ihr Leben verbessern könnte?

Falls ja, dann sind Sie womöglich ein Fall für Steven Bratman. Der amerikanische Arzt hat dem zwanghaften Versuch, sich gesund zu ernähren, einen wissenschaftlichen Namen gegeben und ihm so einen Platz unter den Essstörungen gesichert: Orthorexia nervosa.

Wer darunter leidet, hat krankhafte Angst vor fettigen Pommes, findet Menschen, die lieber in einer Currywurst herumstochern als im Salat widerlich, und fühlt sich den Schlechtessern auch noch überlegen. Das wiederum sorgt neben Untergewicht und Mangelerscheinungen für soziale Isolation. Wer geht schon gern mit jemandem essen, der über jede Cola die Nase rümpft und sich mit seinen gedünsteten Brokkoli angeekelt abwendet, wenn man sich etwas Ketchup auf das saftige Steak tropft.

Ob das Krankheitsbild der Orthorexie nun wirklich ernst zu nehmen oder nur eine publikumswirksame Parodie ist, sei dahingestellt. Eins macht es auf jeden Fall deutlich: Manchmal wollen wir zu viel des Guten. Was nicht unbedingt zu unserem Besten ist.

Das gilt zum Beispiel für Nahrungsergänzungsmittel. Jeder dritte Deutsche dopt sich bereits mit künstlichen Vitaminen und Mineralstoffen. Die Pillen und Pülverchen sollen sie vor Krebs und der nächsten Erkältung schützen oder einfach nur schöner und fitter machen. Doch eine Tablette am Tag ersetzt das Schnippeln von Obst und Gemüse nicht. In der Natur tauchen Vitamine immer in Begleitung mit bestimmten anderen Stoffen auf. Diese komplexen biochemischen Verbindungen machen die Aufnahme im Körper überhaupt erst möglich und sind schwer nachzubauen.

Präparate mit Vitamin D und Kalzium für Frauen in der Menopause, Vitamin D für Ältere, Folsäure für Schwangere und Frauen, die es werden wollen, halten Experten für angebracht. Alle anderen sollten ihr Geld aber besser in Obst und Gemüse investieren. „Ich rate immer, nehmen Sie die Präparate vom Discounter. Die wirken auch nicht, sind aber wenigstens billiger“, sagt Ernährungswissenschaftler Helmut Erbersdobler von der Universität Kiel. Aber Pillenliebhaber gehen nicht nur das Risiko ein, unnötig Geld auszugeben. „Wir wissen bisher wenig darüber, ob die Substanzen langfristig giftig sind und wie sie dosiert werden sollten“, sagt der Toxikologe Helmut Bartsch aus Heidelberg.

Viel hilft im Falle von künstlichen Vitaminen nicht viel, sondern kann sogar gefährlich werden: So ergab eine Studie der Universität in Baltimore, dass Vitamin E in hohen Mengen das Risiko, an Herz- Kreislauf-Erkrankungen zu sterben, um zehn Prozent steigert. Bei zu viel künstlichem Vitamin C (500 Milligramm am Tag) kann es zu Nierensteinen, Durchfall, erhöhtem Cholesterinspiegel, Osteoporose und Gicht kommen. Dass überdosiertes Betacarotin bei Rauchern und Ex-Rauchern zu Lungenkrebs führen kann, ergab eine Studie, die ursprünglich eigentlich das Gegenteil belegen sollte. Der Test wurde frühzeitig abgebrochen, weil zu viele Probanden erkrankt waren.

Zu gut mit sich meinen es auch viele Rohkost-Freunde, die rohes Gemüse, Obst und Vollkornbrei für die einzig wahre Körperpflege halten. Das bestechend einfache Prinzip dieser Diät: je unverarbeiteter die Nahrung, desto natürlicher und gesünder. Also bleibt die Küche kalt, braten und kochen sind tabu, damit Vitamine, Mineralstoffe und Enzyme erhalten bleiben.

Klingt vernünftig. Ist es auch, solange man es nicht übertreibt. Das machte eine Studie der Universität Gießen deutlich. Ihr Ergebnis: Wer sich überwiegend und auf Dauer von Rohkost ernährt, schwächt sein Immunsystem, leidet unter Gewichtsverlust und Eisenmangel. Die Zähne bekommen von den vielen organischen Säuren Löcher, die Haare können dünner und die Haut kann schlechter werden. In seinem Buch „Health Food Junkies“ (besessene Gesund-Esser) schreibt Steven Bratman sogar über eine fanatische Rohkostesserin, die an ihren schweren Mangelerscheinungen gestorben ist.

„Manches Gemüse ist ungekocht schlichtweg ungenießbar oder beinhaltet sogar giftige Stoffe, wie etwa grüne Bohnen“, sagt Helmut Erbersdobler. Zudem bedeutet roh in manchen Fällen gar nicht unbedingt besser. Einige Nährstoffe mögen es nämlich gern heiß: Von gekochten Karotten kann der Körper ihr Carotin zum Beispiel besser aufnehmen. Das gleiche gilt für das Krebs hemmende Lycopin aus der Tomate. Die Stiftung Warentest fand in Tomatenkonserven doppelt so viel Lycopin wie im frischen Gemüse. Das Gleiche gilt für Ketchup.

Aber nicht nur bei der Ernährung, auch beim Sport gilt: Zu viel des Guten schadet. „Wir haben eine Untersuchung unter Läufern gemacht: 80 Prozent von ihnen waren zu schnell und überforderten sich“, sagt Professor Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule Köln. Wer beim Sport mehr gibt, als sein Körper verkraften kann, der dreht die Vorteile um, die Ausdauertraining mit sich bringt: Das Immunsystem wird geschwächt, man fühlt sich matt und müde, der Körper übersäuert.

Woran aber erkennt der Sportler, dass er schneller unterwegs ist, als der Körper erlaubt? Zum einen kann ein Pulsmesser helfen, das richtige Tempo zu finden. Die günstigere Variante: Achten Sie auf Ihre Atmung. Auf einen Atemzug sollten bei Anfängern acht Schritte kommen – vier beim Einatmen, vier beim Ausatmen. Trainierte zählen jeweils bis drei. „Wichtig ist vor allem, dass Sie sich nach der Belastung subjektiv unterfordert fühlen“, sagt Ingo Froböse.

Zu viel Sport ist also schlecht, Überdosen an bestimmten Vitaminen können tödlich sein, und immer nur frisches Grünzeug macht krank. Sogar das von Fitnesspäpsten und Ärzten gepriesene Trinken von möglichst viel Wasser ist bei einigen Wissenschaftlern in Verruf geraten. „Für die Empfehlung mehr als zwei Liter pro Tag gibt es keine fundierten Beweise. Die meisten trinken genug oder sogar mehr als genug“, behauptet der amerikanische Nierenspezialist Professor Heinz Valentin. Zu große Flüssigkeitsmengen würden den Organismus nur unnötig belasten.

Mit einem anderen Problem haben durstige Sportler zu kämpfen. Forscher warnen: Zu viel Wasser kann für sie sogar tödlich sein. Dabei geht es natürlich nicht um Menschen, die ab und zu mal um den Block rennen, sondern um Extremsportler. Marathon-Teilnehmer zum Beispiel, die beim Laufen Unmengen von reinem Wasser trinken, leiden häufig unter Natriummangel. Denn sie spülen beim Schwitzen zu viele Salze aus dem Körper. Die Folge sind bestenfalls Benommenheit, schlimmstenfalls stärkere Bewusstseinsstörungen bis hin zum Tod.

Da ist kurzeitige Dummheit noch das kleinere Übel. Wasser, zur falschen Zeit getrunken, soll laut Wissenschaftlern der Universität Bristol die geistigen Fähigkeiten beeinträchtigen. Bei einer Untersuchung teilten sie die Testpersonen in Gruppen nach durstig oder nicht durstig ein und ließen sie Aufgaben lösen. Wer durstig war und etwas zu trinken bekam, bewältigte sie zehn Prozent schneller als vorher. Wer aber ohne Durst etwas trank, war plötzlich 15 Prozent langsamer. Schlaue Menschen wissen eben: Weniger ist manchmal mehr.