Welt am Sonntag

Datum: 2. Oktober 2016

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Du Opfer!

Verbale und körperliche Gewalt auf Schulhöfen ist beinahe alltäglich geworden, klagen Lehrer. Viele Eltern fragen sich, wie sie ihre Kinder davor schützen können, zur Zielscheibe zu werden

Für Eltern ist das schwer zu ertragen: Wenn der Sohn in der Kita vom Bobbycar geschubst wird und der Dieb fröhlich davon schiebt, während beim eigenen Kind nur die Unterlippe zittert, fassungslos ob dieser Dreistigkeit. Oder die Tochter von der Schule mit einer blutenden Lippe nach Hause kommt, weil zwei Mädchen mit ihr ein neues Schubs-Spiel ausprobiert haben, bei dem, man ahnt es, nur die Tochter von den anderen beiden geschubst wurde und zum Schluss auf den Mund fiel.

Hauen, Hänseln, Haareziehen ist unter Kindern keine Seltenheit – und war es wohl nie. Bei einer Befragung der Universität Bielefeld 2013 gaben knapp die Hälfte der 900 Kinder und Jugendlichen zwischen sechs und 16 Jahren an, schon einmal einen anderen geschlagen zu haben oder von anderen geschlagen worden zu sein. Beschimpft oder beleidigt hatten und wurden fast ein Drittel.

Für Aufsehen sorgen Fälle wie der an einer Euskirchener Gesamtschule in der vergangenen Woche. Dort war ein Zwölfjähriger von vermutlich zwei Mitschülern derart schwer verprügelt worden, dass er in Lebensgefahr schwebte und ins künstliche Koma versetzt werden musste. Ein drastischer Einzelfall, ganz sicher.

Dennoch klagt auch der Bayerische Lehrerverband über einen rauer gewordenen Umgangston an deutschen Schulen. Auf den Schulhöfen verbreite sich zunehmend eine aggressive und hasserfüllte Sprache, bereits Acht- oder Neunjährige werfen mit Ausdrücken wie „Fickt euch!“ und „Untermenschen“ um sich, erklärten die Lehrer, die aus diesem Grund ein Manifest mit dem Titel „Haltung zählt“ verfasst haben. Und nach Einschätzung des bundesweiten Deutschen Lehrerverbandes hat nicht nur die verbale Gewaltbereitschaft zugenommen. Ob die Aggressivität aber tatsächlich zugenommen hat, darüber sind sich Experten uneinig. Langzeitstudien gibt es keine.

Viele Mütter und Väter sind – eine Folge der gewaltfreien Erziehung – heute jedenfalls sensibler für das Thema, als es noch ihre eigenen Eltern waren. Sie fragen sich daher: Was kann man tun, um das eigene Kind zu schützen? Wie macht man es selbstbewusster, härter, durchsetzungsfähiger ohne vom Postulat der Gewaltfreiheit abzurücken?

Dazu eins vorweg: Ein Teil unseres Temperaments, circa 30 bis 50 Prozent schätzen Wissenschaftler, ist angeboren. Das können viele Eltern bestätigen, die mehrere Kinder haben. Häufig können diese unterschiedlicher nicht sein. Das eine mag niemandem auch nur ein Haar krümmen, das andere reißt dem, der es ärgert, kurzerhand büschelweise Haare aus.

Dass aber auch der Erziehungsstil einen großen Einfluss darauf hat, wie gut sich Kinder später unter Gleichaltrigen behaupten, fanden Psychologen von der britischen Warwick Universität heraus. Sie werteten 70 Studien aus den vergangenen Jahren aus, an denen insgesamt mehr als 200.000 Kinder teilgenommen hatten. Ihr Ergebnis: Ein besonders strenges Elternhaus schafft keine guten Voraussetzungen, damit der Nachwuchs auf dem Schulhof besteht. Kinder mit autoritären Eltern oder solche, die zu Hause viel negatives Feedback erhalten, zeigten ein leicht erhöhtes Risiko, Opfer von Mobbing zu werden. Das Gleiche gilt für Kinder mit besonders behütenden Eltern. Sie scheinen auf das raue Leben außerhalb der eigenen vier Wände nicht vorbereitet zu werden.

Experten raten daher Eltern, den Mittelweg zwischen Strenge und Geborgenheit zu gehen. Sie sollten nicht alle negativen Erfahrungen rigoros von ihren Kindern fernhalten, klare Verhaltensregeln, aber auch emotionale Wärme vermitteln. Was im Prinzip einfach klingt, fällt offenbar vielen Müttern und Vätern heute schwer. Stattdessen muten und trauen sie ihren Kindern wenig zu, versuchen dem Nachwuchs das Leben so leicht wie möglich zu machen. Und gibt es mal Ärger zwischen Gleichaltrigen, wird schnell interveniert.

Ist das Kind älter als drei Jahre, sollte es Probleme allerdings allein konstruktiv lösen können. Wenn Helikoptereltern dann sofort für Recht und Ordnung sorgen, ist es schwer, eigene Streit-Strategien zu entwickeln und Selbstbewusstsein aufzubauen, um sich in der Kita oder auf dem Schulhof behaupten zu können.

„Man kann den Kindern nicht alles abnehmen“, sagt etwa Frau Freitag, die seit 15 Jahren an Berliner Schulen unterrichtet und unter diesem Pseudonym bereits mehrere Bestseller wie „Chill mal, Frau Freitag“ über das Leben einer Lehrerin geschrieben hat. „Natürlich, wenn ein Kind geärgert wird, es ihm in der Schule nicht gut geht, muss man mit den Lehrern reden. Letztendlich sollten Eltern das Kind aber darin bestärken, sich selbst zu behaupten, Sachen allein zu regeln.“

Helfen könne man dem Kind dabei, indem man mit ihm ein paar Abwehr-Manöver erarbeitet: „In Rollenspielen können Sie zum Beispiel Situationen durchgehen, in denen Ihr Kind sich bedroht fühlt oder gehänselt wird. Überlegen Sie dann gemeinsam Möglichkeiten zu reagieren“, rät Andreas Schick, Leiter des Heidelberger Präventionszentrums und Mitbegründer von „Faustlos“, einem Programm gegen Gewalt, das in Kindergärten, Grundschulen und Sekundarstufen eingesetzt wird.

Andreas Schicks faustlose Abwehr-Strategie: „Dem anderen laut und deutlich sagen: ‚Nein! Hör auf!’“ Und wenn das nichts bringt: abhauen. „Auf jeden Fall sollten Sie Ihr Kind ermuntern, einem Erwachsenen Bescheid zu sagen, wenn es bedroht oder gehänselt wird. Machen Sie ihm deutlich, dass Hilfeholen kein Petzen ist.“

Bei verbalen Attacken kann auch antrainierte Schlagfertigkeit hilfreich sein. Dafür überlegen Eltern sich mit ihrem Kind ein Repertoire von überraschenden und originellen Antworten auf blöde Sprüche. „Das bringt die Rüpel meist so aus dem Konzept, dass sie perplex von ihrem Opfer ablassen“, so die Erfahrung von Frau Freitag.

Sich ohne viele Worte zu wehren, wird in Berlin-Neukölln gelehrt. In dem für seine Kriminalität und Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen bekannten Bezirk betreibt Andreas Marquardt eine Karate-Sportschule, in deren Kurse unter anderem Kinder der berühmt-berüchtigten Rütli-Schule gehen. Bis Anfang der 1990er-Jahre war Marquardt ein gewalttätiger Zuhälter und saß deshalb mehrere Jahre lang im Gefängnis. Heute ist der 61-Jährige geläutert, will der Gesellschaft etwas zurückgeben und unterrichtet Kinder zwischen vier und 17 Jahren in Karate, laut Marquardt ab Herbst sogar in Zusammenarbeit mit dem Berliner Senat.

„Der Sport formt den Charakter, formt die Haltung, formt das Kind“, lautet Marquardts Motto. Und das in beide Richtungen. Kinder, die drohen auf die falsche Bahn zu geraten, würden durch den Sport Disziplin, Respekt, Pünktlichkeit lernen, schwächere Kinder Selbstbewusstsein und innere Stärke.

Zu den jüngsten der 15 Kursteilnehmer an einem Freitagnachmittag gehört ein vierjähriger Junge, der perfekt in die Rolle des Opfers zu passen scheint: sein Körper dicklich, der Teint bleich, das Gesicht rund. Tapfer steht er in der dritten Reihe, gleich hinter den größeren Jungs, tritt und schlägt auf Anweisungen seines Lehrers Marquardt entschlossen in die Luft, stößt dabei Kampfschreie aus. Und als ein älterer Junge auf Marquardts Zwischenfrage, warum sie Karate trainieren, antwortet: „Um uns zu verteidigen und um die Schwachen zu schützen“, nickt er heftig.

In der Kita wurde der Junge gehänselt, erzählt Marquardt später. Seit drei Wochen trainiere er nun bei ihm Karate. „Er ist in der Zeit schon sehr aus sich rausgekommen.“

Aber fördert Kampfsport nicht auch die Gewaltbereitschaft? „Nein“, sagt Marquardt. „Wir unterrichten ja hier nicht, wie man andere ernsthaft verletzt. Aber die Reaktion muss so sein, dass die Aktion aufhört.“ Wenn das verbal ginge, gut. Wenn eine Drohhaltung ausreiche, prima. Aber im Notfall sollte man sich zum Beispiel mit einem Stoß auf den Brustkorb des anderen wehren können. „Denn mal ehrlich, was bringt es einem Kind, wenn ihm ein Auge ausgestochen wird und der Schuldirektor ihn danach lobt, dass er sich nicht gewehrt hat.“

Ob sie ihrem Kind als letzten Ausweg das Zurückschlagen zugestehen oder ihm sogar dazu raten, müssen Eltern wohl selbst abwägen. Auf der einen Seite fördert Gewalt natürlich nicht gerade die soziale Kompetenz der nächsten Generation, auf der anderen hilft es nichts, gebetsmühlenartig Aggression zu verteufeln, wenn den gequälten Kindern die Mittel und Wege ausgehen, sich zu wehren.

Der Wille, sich zu wehren, sollte aber immer vom Kind ausgehen und nicht das Gerechtigkeitsempfinden der Eltern widerspiegeln. Wenn die Schubserei auf dem Schulhof tatsächlich nur als Spiel wahrgenommen wurde, leiden die Eltern in dieser Situation offenbar mehr als das Kind. „Dann muss man als Erwachsener nicht sofort die eigene Befindlichkeit dem Kind überstülpen. Man sollte trennen können, was die persönlichen Ansprüche, Befürchtungen, Erinnerungen sind, die da hochkommen“, sagt Andreas Schick. Entscheidend ist letztlich, zu erkennen, wann es um mehr als eine Schubserei geht.