Welt am Sonntag

Datum: 28. August 2005
Fotos: Michael Danner

Druckansicht

schulranzen-4c574cb84f.jpg

Diskussion ist sinnlos

Ponys in Pink, Rennautos und Saurier — wenn Kinder in die Schule kommen, wissen sie eins ganz genau: Wie ihr Schulranzen aussehen soll. Eltern haben nichts zu melden

So sieht es also aus, wenn Kinder das Sagen haben: Herzen, Motorräder und miteinander kuschelnde Ponys in greller Airbrush-Optik. Das alles möglichst kleinteilig als Muster auf den derzeit angesagten Schulranzen.

Denn welche bunten Buckel sich Kinder auf den Rücken schnallen, entscheiden sie in der Regel selbst. Mama und Papa haben nur ganz selten ein Wort mitzureden. Und die Hersteller wissen um die große Macht der Kleinen. „Mindestens ein Ranzen pro Saison muß als Grundfarbe Rosa oder Pink haben. Der Wunsch danach liegt bei fünfjährigen Mädchen einfach in den Genen“, erklärt Wolfgang Braun, Produktmanager bei Scout.

Er muß es wissen, lädt doch seine Firma regelmäßig Vorschüler zur Beurteilung neuer Muster ein. Ein Renner in diesem Jahr ist das Dessin „Rainbow“: kleine Ponys, die zwischen Wolken, Regenbogen und fliegenden Blümchen spielen. Eine Primärreiz-Überflutung. Wäre noch Platz gewesen, hätte Scout den Pferden sicherlich auch noch eine Krone und Flügelchen aufgesetzt. Doch auf die magische Wirkung einer Fee verläßt sich bereits eine andere Firma: Der Coppenrath-Verlag brachte vor zwei Jahren Schulranzen mit der zuckersüßen Prinzessin Lillifee heraus. Ein Riesenerfolg.

Jungs brauchen mehr Action. Ihre Favoriten heißen „Pole-Position“ oder „Power Race“ und zeigen Rennwagen, Monstertrucks und Quad-Bikes, diese vierrädrigen Geländemotorräder, auf denen sich Ozzy Osbourne fast das Genick gebrochen hätte. Das müssen Eltern akzeptieren lernen.

„Jede Diskussion ist sinnlos. Da ist man am Ende doch die Schwächere“, sagt eine Mutter aus Düsseldorf. Schließlich ist der Ranzen nicht mehr nur praktisches Transportmittel, es ist das erste Statussymbol in einem noch jungen Leben. Das hat sogar ein Gericht bestätigt. In Lüneburg entschieden die Richter, daß das Kind einer Sozialhilfeempfängerin das Recht auf einen Markentornister habe. Das Mädchen sollte nicht durch einen billigen No-Name-Ranzen vor den Mitschülern deklassiert werden.

Wenn es um die Wahl der Marke geht, stellt sich dem stilbewußten Nachwuchs meist nur eine Frage: Scout oder McNeill? So wie die Wahl zwischen Pelikan und Geha Füllern früher die Klassen in zwei Lager spaltete, ist auch heute die Tornistermarke eine Grundsatzentscheidung. Geschätzte 65 Prozent der verkauften Schultaschen gehen auf das Konto von McNeill und Scout. Beide nehmen sich optisch nicht viel. Sie sind bunt und grell. Büchertasche, Federmappe, Trinkflasche und Turnbeutel müssen selbstverständlich das gleiche Muster tragen. „Als meiner Tochter der passende Turnbeutel fehlte, war tagelang schlechte Stimmung“, erzählt eine anfangs noch unwissende Mutter.

Einige Ranzendesigns sind allerdings nur etwas für Eltern mit viel Liebe und Leidenskraft. Denn was soll man tun, wenn das eigene Fleisch und Blut unbedingt den Ranzen mit Lederfransen und aufgenähter Pferdemähne will („Country Horse“ von Hama)? Oder auf dem Modell aus rotem Knautschlack und mit zwei baumelnden Plastikherzen besteht („Deluxe“ von McNeill)?

Erbarmen zeigen die Hersteller nur bei wenigen Modellen. Es gib zum Beispiel den Scout „Easy 2“-Esprit, den der Ranzenproduzent mit freundlicher Unterstützung des Modekonzerns Esprit auf den Markt gebracht hat. Die Unifarben sind eine Wohltat für gereizte Elternaugen. Und auch der Tornister mit dem Hasen Felix (Coppenrath-Verlag) ist mit seinem blauen Karomuster beruhigend schlicht. Trotz Plüschapplikationen.

Den ökologischen Traum ihrer Eltern tragen einzelne Waldorfschüler auf dem Rücken. Lederranzen erleben in den Schulen zur Zeit eine kleine Renaissance. Das liegt auch daran, daß es Herstellern wie Klawon Lederwaren in Marburg gelungen ist, Lederranzen herzustellen, die nur unwesentlich mehr als ein Scout wiegen. Aufgepeppt mit bunten Krokodilen, Delphinen und Regenbogen, sind sie jetzt nicht nur schön bunt, sondern eben auch rückenfreundlich. „Nicht modisch, sondern langlebig und ohne Flimmern vor den Augen“, beschreibt Günter Klawon seine auf Wunsch individuell gefertigten Stücke. Etwas professioneller – und vielleicht auch langweiliger – wirken dagegen die Bioleder-Ranzen aus der Walsroder Fabrik Brehme.

Natürlich kann sich eine Mutter auch über die Schultüte in den ersten Schultag einbringen. Sich an ihr auszutoben liegt derzeit im Trend. Besonders engagierte Eltern gehen zur Bastelstunde, die von fast allen Vorschulen organisiert werden. Die Vielbeschäftigte kauft sich einen Rohling und beklebt diesen in der Nacht vor der Einschulung. Darauf sollte sein, was das Kind am liebsten mag, für den Inhalt gilt das gleiche. Schließlich soll sie ja ihren ursprünglichen Zweck erfüllen – den ersten Schritt ins harte Leben zu versüßen.