Welt am Sonntag

Datum: 19. Feburar 2006
Fotos: Herlinde Kofel

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Die Entdeckung der Horizontale

Augenringe sind kein Triumph mehr. Der moderne Mensch feiert nicht, sondern geht früh zu Bett. Denn Schlafen ist der neue Sex, meint Sandra Winkler

In der amerikanischen Ausgabe der Zeitschrift „In Style“ war kürzlich ein ungewöhnliches Bild zu sehen. Gemacht hatte es Terry Richardson, bekannt als Fotograf mit Vorliebe für entblößte Geschlechtsteile, darauf zu sehen war der Designer Tom Ford, einer der wichtigsten Protagonisten der sexgeladenen 90er Jahre.

Doch statt in eine gemäßigte Orgie verwickelt oder wenigstens halbnackt, sieht man Ford mit einem goldenen Satin-Bademantel in einem großen Bett liegen, umgeben nur von Laken und Kissen. „Schlaf ist mein größter Genuß“, sagt der Modemacher dazu.

Das ist neu. Gern schlafen, das taten bisher bloß wellnessorientierte Models, die nach einem Glas Wasser und einem kleinen gemischten Salat früh zu Bett gingen. Sonst gaben doch nur Langweiler Schlaf als Lieblingsbeschäftigung an, weil ihnen nach Sonnenuntergang nichts Besseres einfiel.

Augenringe hingegen trug man als Trophäen für durchfeierte Nächte ins Büro. Vor allem während der New Economy galt Schlaf als Zeitverschwendung und wurde deshalb kurz gehalten. Eine ziemlich schlechte Angewohnheit, die bis jetzt anhielt: Ein Drittel der Amerikaner schläft mittlerweile weniger als sechs Stunden täglich, weil sich abends niemand mehr von Fernseher, Internet und Arbeit trennen kann.

Das alles soll jetzt also vorbei sein. Sagt auch Marian Salzman. Die amerikanische Futurologin, die schon den Begriff „metrosexuell“ für Männer mit manikürten Händen und Haarreifen erfand, hat eine neue Ära ausgerufen: „Schlaf ist der neue Sex“, lautet Salzmans Erkenntnis. Ein paar Stunden im Bett – allein! – schlage jeden noch so hervorragenden Orgasmus um Längen. Vor allem Frauen, die heute noch mit 40 oder sogar 50 Jahren Kinder bekämen, könnten das bestätigen. Denn die durchbrüllten Nächte stecken sie nicht mehr so einfach weg wie jüngere Mütter. Ihr sehnlichster Wunsch sei daher nicht mehr „la petite mort “, sondern ein Nickerchen. Kein Wunder, daß Bücher mit so aussagekräftigen Titeln wie „Okay, so I don’t have a headache“ oder „I’m not in the Mood“ in Amerika zu absoluten Verkaufsschlagern werden.

Aber auch Menschen ohne hellwachen Nachwuchs, wie zum Beispiel Tom Ford, haben Schlafen als schönste Sache der Welt und als neuen Partygesprächsstoff entdeckt: „In New York kann man sich derzeit zur interessantesten Person einer Dinner-Party machen, wenn man verrät, ein paar Schlaftabletten dabeizuhaben“, sagt Marian Salzman und prophezeit: „Anzeigen für natürliche, pharmazeutische oder verrückte Schlafmittel jeglicher Art werden sich in Zukunft häufen.“

Auf einer Feier in Hamburg ging es kürzlich zwar weniger um Melatonin und Baldrian, dafür brach beim Essen eine engagierte Diskussion über Bettensysteme los. Die Anwesenden schwärmten so stolz von ihren Betten, als ginge es um ihr neues Auto, einen Superschlitten. Statt über Sechszylindermotoren und Pferdestärken sprach man über Siebenzonenmatratzen, Hohlräume in Latexunterlagen und die Vor- und Nachteile von Matratzenbezügen mit Kamelhaar oder Wildseide.

Nach einer Zeit, in der sich die Menschen dank Ecstasy, Red Bull und Guarana-Kaugummis die Nächte um die Ohren geschlagen hatten, interessiert man sich heute mehr für das Vorstadtleben der „Desperate Housewives“ als für die feierfreudige Welt urbaner Singles. Schäferstündchen im Büro waren gestern, heute praktiziert der moderne Mensch lieber Büroschlaf am Schreibtisch.

„Für Schlafmützen hat jetzt eine gute Zeit begonnen“, glaubt Marian Salzman. Sie könnten sich erleichtert auf eine ruhige Zukunft freuen, in der auch am Arbeitsplatz die „Yogaisierung“ um sich greifen werde. „Chefs werden gezwungen sein, darauf zu achten, daß eine bessere Balance zwischen Arbeit und Privatleben herrscht.“ Wir dürfen uns also wieder öfter zur Ruhe begeben. Das aber dann bitte mit Stil.

Schnell zu Ikea fahren und das erstbeste in und auf den Bettkasten werfen gilt inzwischen als geschmacklos. Lieber schlendert man durch gehobene Wäschehäuser wie Möhring am Hamburger Neuen Wall und schaut nach den neuen Bettbezügen aus Seide oder feinster Baumwolle. „Wir werden immer mehr Zeit und Geld in unsere Schlafzimmer investieren, um den perfekten Zufluchtsort zu schaffen“, sagt Marian Salzman. „Wir kaufen Federbetten, Duftkerzen, Leselampen und sogar Betten, in die Fernseher und Internet-Anschlüsse integriert sind.“

Und auf Langstreckenflügen sorgen die Fluglinien für noch mehr horizontale Entspannung ihrer Gäste. Konnte man in der ersten Klasse schon immer die Bettposition einstellen, so sollen sich jetzt auch die Passagiere der Business-Class ausstrecken dürfen. Alle namhaften Fluggesellschaften rüsten ihre Langstreckenflugzeuge mit sogenannten Lie-Flat-Sitzen aus. Bei Lufthansa ist im Rückenteil dazu eine Massagefunktion integriert– für noch entspannteres Schlummern in der Luft.

„Den Menschen geht es heute nicht mehr nur um eine Matratze, die rückenschonendes Liegen ermöglicht, sondern um guten Schlaf als Ganzes“, sagt Uwe Fischer von der Firma Lattoflex, Erfinder des ersten federnden Holzlattenrostes und Hersteller luxuriöser Bettensysteme. Derzeit arbeitet das Unternehmen in Bremervörde an einem High-Tech-Bett, das Atmung, Herzschlag und Bewegungen des Schlafenden mißt. Irgendwann soll es auch in der Lage sein, seinem Besitzer zu sagen, wie er sich noch besser bettet und wie lange er ruhen sollte.

Denn Schlafen fühlt sich nicht nur gut an, es tut auch gut: Der Körper drückt seine Reset-Taste. Die Nerven erholen sich, das Immunsystem wird gestärkt, die Zellerneuerung läuft auf Hochtouren. Auch die Haut bekommt ihren frischesten Teint über Nacht. Gut fünf Jahre älter, so Dermatologen, sieht daher aus, wer über längere Zeit kürzere Nächte hat.

Schlaf ist also die perfekte Wellness- und Anti-Aging-Kur, besser und vor allem billiger als jede Massage und jede Luxuscreme. „Zuwenig Schlaf hingegen macht dick, dumm und krank“, faßt es Jürgen Zulley, Schlafforscher an der Universität Regensburg, wenig schmeichelhaft zusammen.

Das soll den Gästen einiger Hotelketten auf keinen Fall geschehen. Nachdem die Chefs der „Westin“-Hotelgruppe in einem New Yorker Ballsaal auf über 50 unterschiedlichen Bett-Typen der Konkurrenz probegelegen hatten, wurden die hauseigenen Heavenly Beds entwickelt – „eine Oase luxuriöser Bequemlichkeit“, so die Eigendarstellung. Und weil man fest mit dem Suchtfaktor von soviel Komfort rechnet, kann das Himmelbett aus dem „Westin“ nun auch für Privatschlafzimmer geordert werden.

Das gilt auch für das sogenannte Sweet Sleeper Bed, das seit 2004 in einigen Sheraton-Hotels angeboten wird. Und Sofitel bietet „nach ausgeklügelten Materialtests“ in seinen Fünf-Sterne- Hotels nun MyBed an. Der Gast soll sich auf der sehr großen, sehr hohen Schlafstätte gebettet fühlen wie zu Großmutters Zeiten. Das Besondere daran sind eine weiche Matratzen-Auflage und die dicken Federkissen und -decken.

Unter Prominenten gelten Four-Seasons-Häuser als Heimat der besten Betten. So kam es in der amerikanischen „Oprah Winfrey Show“ beim Thema Schlafgelegenheiten schon zu unerwarteten Begeisterungsstürmen: Oprah fragte ihren Gast Julia Roberts: „In was schläfst du am liebsten?“ Die antwortete: „Im Four-Seasons-Bett“. Oprah darauf: „Yes, Honey! I love it. Ist es das Bett oder die Bettwäsche?“ Roberts: „Beides!“

Wen wundert es da, daß man auch diese Betten kaufen kann. Rund 500 hauseigene Modelle werden jedes Jahr an die Gäste verkauft. Bei soviel tatkräftiger Unterstützung auf der Suche nach dem perfekten Schlaf sollte aus der müden Gesellschaft doch schon bald wieder ein wacher Haufen werden.
Denn nur wer richtig ausgeschlafen ist, hat auch wieder richtig Spaß am Sex.