Welt am Sonntag

Datum: 31. Mai 2015

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App-Traum für Eltern

Für Väter und Mütter ist es verlockend, ein Tablet als Babysitter einzusetzen. Apps für Kinder gibt’s schließlich wie Förmchen im Sandkasten. Aber ist das sinnvoll? Spielregeln für Erziehungsberechtigte

Im Restaurant sitzt eine Familie am Nebentisch. Während das Paar sich über die Menükarten hinweg unterhält, starrt die Tochter auf ein iPad. Schnuller im Mund, Popo noch in der Windel – und das Tablet schon auf dem Schoß. Die kleinen, pummeligen Finger wischen und tippen auf dem Bildschirm herum.

Während man noch überlegt, warum diese Situation einen irgendwie betroffen macht, wirft die Mutter einen Blick herüber, der sagt: Hey, beurteile mich nicht! Aber wer, der eigene Kinder hat, würde das wagen? Denn wie oft hat man selbst schon im Café, im Auto oder während eines wichtigen Telefonats den Kleinen das Smartphone in die Hand gedrückt, damit sie sich mit den Apps darauf die Zeit vertreiben. Ganz selbstverständlich, aber selbstverständlich auch mit schlechtem Gewissen: Wird ein Kind, das das Wort Smartphone noch nicht einmal richtig aussprechen kann, von der ganzen Technik nicht überreizt, entwickelt es vielleicht motorische oder soziale Schwächen?

200.000 Apps speziell für Kinder gibt es heute schätzungsweise, täglich kommen neue hinzu. Die beliebtesten Spiele werden weltweit mehrere Millionen Mal heruntergeladen. Besonders Angebote für die ganz Kleinen zwischen zwei und fünf Jahren drängen auf den Markt – und sind eine völlig neue Herausforderung für Medienpädagogen und Eltern: Spielten Kinder auf dem Computer bislang erst, wenn sie eine Maus bedienen konnten – also ungefähr mit sechs Jahren – können einen Touchscreen nun sogar schon Einjährige benutzen.

Wie genau sich das Spiel mit den Apps auf die Entwicklung eines Kindes auswirkt, können Wissenschaftler bislang nicht sagen. Empirische Studien, geschweige denn Langzeituntersuchungen, gibt es nicht. „Die Geräte waren ruckzuck auf dem Markt und dann auch ganz schnell in den Händen der Kinder. Wir hinken da wahnsinnig hinterher“, sagt Friederike Siller, Medienpädagogin an der Fachhochschule Köln.

Auch auf die Fragen „Ab welchem Alter?“ und „Für wie lange am Tag?“ können Experten Eltern keine offizielle Antwort geben. Auch wenn diese sie natürlich gern hätten, um ihre Kinder davor zu bewahren eventuell einen Schaden fürs Leben zu bekommen.Doch Medienpädagogen raten von solch pauschalen Aussagen sowieso eher ab. Einen zeitlichen Rahmen festzulegen, ist natürlich nicht verkehrt, aber wie dieser aussieht, muss jede Familie für sich entscheiden. Arbeiten beide Elternteile, ist es wahrscheinlich besser, die Kinder spielen mit den Geräten am Wochenende, weil die gemeinsame Zeit in der Woche knapp ist. Holen die Eltern das Kind jeden Tag mittags aus der Kita, sieht es ganz anders aus.

„Wir haben bei uns zu Hause keine zeitliche Regelung“, erklärt Medienpädagogin Friederike Siller. Ist der fünfjährige Sohn gerade Feuer und Flamme für eine App, darf er sie intensiv mit den Eltern erkunden und später allein spielen. Dafür gibt es dann Wochen, in denen das Tablet keine Rolle spielt. „Auszeiten sind sehr wichtig!“ findet Siller.

Auch Thomas Feibel, Leiter des Büros für Kindermedien in Berlin, hat prinzipiell kein Problem mit Kinder-Apps – nur damit, wie Eltern sie einsetzen: als Beruhigungspillen. „Was sagt man dem Kind denn damit, wenn es jedes Mal das Smartphone in die Hand gedrückt bekommt, sobald es nervt?“ Die Kleinen lernten so, dass sie unterhalten werden, wenn sie quengeln, meint Feibel. Was sie nicht lernen, sei geduldig zu sein, ihre Langeweile auszuhalten oder ihr gar durch eigene Ideen zu entfliehen.

Beim nächsten Restaurantbesuch sollten Eltern deshalb statt eines iPads doch lieber Stifte, Kleber und Schere auf den Tisch legen, meint Feibel. Wer den Vorschlag des Medienexperten beherzigt, lässt dann aber besser sein Smartphone zu Hause oder zumindest in der Tasche. Denn das digitale Verlangen der Kinder spiegelt vor allem eins wieder: das Verhalten der Eltern. Bemerkt die Mutter auf dem Spielplatz erst nach dem fünften Rufen der Tochter, dass sie beim Lesen einer Mail vergessen hat, die Schaukel anzuschubsen und streichelt der Vater häufiger über sein Smartphone als dem Sohn über den Kopf, ist es kein Wunder, wenn der Nachwuchs so wild aufs iPhone ist, als sei es eine zuckerbeschichtete Tafel Schokolade mit bunten Streuseln.

Sollte man seine digitalen Geräte also besser gleich so lange es geht den Kindern vorenthalten? Nein, meint Friederike Siller. Im Zeitalter der Bildschirme wäre das lebensfern. „Es gibt keinen Weg zurück. Medien gehören zur Welt von Kindern – auch zu der von den ganz kleinen.“

Es gilt also das Beste aus der Situation zu machen. Medienexperten raten: Eltern sollten sich mit ihrem Kind vor den Bildschirm setzen und gemeinsam die Spiele erkunden. Auch auf die Auswahl der Apps sollte man als Erwachsener ein Auge haben. „90 Prozent aller Angebote für Kinder sind Mist“, urteilt Siller. Sie verlangten dem Spieler zu wenig ab. Positive Angebote lassen Kinder selbst etwas erkunden oder etwas gestalten. „Denn genau darin liegt die eigentliche Chance der Apps“, meint Siller. Und der große Vorteil gegenüber dem passiven Medium Fernsehen.

Eltern, entdeckt also die Möglichkeiten! Es gibt Apps, bei denen Kinder – und ihre Eltern – sich im Wohnzimmer verstecken müssen, um sich dann vorsichtig und vor allem leise an ein Monster, das im iPad steckt, heranzuschleichen („Sneak“). Mit anderen kann man Musik mit Farben und Bewegungen verknüpfen („Bubl draw“) oder mit einem Eichhörnchen und einem Bären die Bienen retten – und dabei ein paar Vokabeln Englisch lernen („Squirrel & Bär“).

Bei der Suche nach Apps, die aus der Masse herausragen, hilft unter anderem eine Datenbank des Deutschen Jugendinstituts (www.datenbank-apps-für-kinder.de), eine Orientierung gibt auch der Deutsche Kindersoftwarepreis Tommi (www.kindersoftwarepreis.de), der seit 2002 von Fachleuten und Kindern gemeinsam verliehen wird.

Zu den Tipps, die sich Eltern gegenseitig weiterempfehlen, gehört fast immer „Schlaf gut“. In dieser App bringt das Kind Bauernhoftiere ins Bett bringen, indem es den Lichtschalter findet und ausknipst. Sehr simpel und spätestens nach zehn Minuten erledigt. Zum Schluss wird der Spieler aufgefordert, auch selbst das Licht ausmachen. Die sonore Stimme von Dieter Moor und die liebevollen Zeichnungen einer für den Oscar nominierten Illustratorin, beruhigen nicht nur die Kleinen, sondern auch die Erwachsenen. „Wir wollen den Eltern ein gutes Gewissen und den den Kindern Spaß machen“, erklärt Verena Pausder, Geschäftsführerin der deutschen Firma „Fox and Sheep“, die „Schlaf gut“ entwickelt hat. Die App wurde weltweit mehr als drei Millionen Mal gekauft.

Ihrem Anspruch immer wieder etwas noch nicht Dagewesenes zu präsentieren, wird „Fox and Sheep“ bislang gerecht. Anstatt Mädchen zum Beispiel mit der hundertsten Schmink-Frisier-und-Ankleide-App zu versorgen, entwickelte man die „Pony Style Box“, in der die Kinder Pferden das Fell färben, sie waschen und ihnen die Mähne flechten können.

Ein weiteres positives Beispiel kommt aus Schweden. Als die beiden Gründer des Kinder-App-Entwicklers „Toca Boca“ sich Ende 2010 entschieden, in den noch jungen Markt einzusteigen, waren ihnen die existierenden Angebote zu lehrreich und zu langweilig. Sie nahmen sich Spielzeugkataloge vor, zum Teil sogar aus den frühen 50er Jahren, und schrieben eine Liste der größten Verkaufsschlager: Frisbeescheibe, Zauberwürfel, Hula-Hoop-Reifen.

Allen gemeinsam war, das sie keinen Lehrauftrag verfolgten, es ging auch nie wirklich um Sieg oder Niederlage – sondern immer um Spaß. So sollten auch die Apps funktionieren und so übertrug man anfangs viele Spiele einfach aus der realen in die digitale Welt: So gibt es zum Beispiel die Apps „Toca Robot Lab“, „Toca Doctor“ oder „Toca Kitchen“. Bei der „Toca Tea Party“ wird das iPad zur Picknickdecke, um die sich Puppen, Teddys, Kinder – und natürlich auch Erwachsene – versammeln können. Die neuste App der Schweden, „Toca Nature“, ist dagegen filigran und unterlegt mit elektronischer Musik. Der Spieler kann selbst die Lebenswelt von Otter, Hase und Bär in 3D gestalten, Bäume wachsen, Seen entstehen lassen. Wer dem Kind beim Spielen nur zusieht, erreicht einen zen-artigen Entspannungszustand.

Doch bei aller Begeisterung für beruhigende, schöne und intelligent gemachte Apps: Digitale Geräte sollten im Kinderzimmer nicht die Hauptrolle spielen – und wird es wohl auch nicht, wenn man locker damit umgeht. Das zumindest musste die us-amerikanische Journalistin Hanna Rosin feststellen. Sie wollte wissen, was passiert, wenn man einem Vorschulkind plötzlich unbegrenzten Zugang zu einem iPad gibt – und legte es in die Spielzeugkiste ihres Sohnes, zusammen mit Lego und Büchern. Eine Woche lang spielte der Kleine zwei Stunden am Stück mit Apps – zum Ärger seiner Mutter. Doch nach zehn Tagen hatte das iPad seinen Zauber verloren, es verschwand unter dem Bett – und geriet in Vergessenheit. Für sechs Wochen, danach nutzte der Junge es gelegentlich, aber nicht besonders oft. Es fiel für ihn unter die Kategorie: ganz normales Spielzeug.