Welt am Sonntag

Datum: 11. März 2012
Fotos: Bernhard Huber

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Allein unter Wein

Die Laurin Suite beim Winzer Lageder verspricht einsame Ruhe. Sandra Winkler schlief tief — schließlich

Hört man von der „Laurin Suite@Paradeis”, erscheint nicht nur der Name seltsam, sondern auch die Idee dahinter klingt zunächst ziemlich verrückt: Zum 100sten Geburtstag des „Parkhotel Lauri” in Bozen wollte sich der Besitzer eine weitere Suite gönnen, die 101ste. Das „Laurin” ist ein traditionsreiches Grandhotel in Familienbesitz. Die Jubiläumssuite sollte aber nicht einfach ein Aus- oder Anbau werden, sondern eine Art „Laurin to go”, ein Zimmer, ausgelagert ins Grüne. Der Hotelier bestellte zwei Container, 20 und 40 Quadratmeter groß, rief den Südtiroler Freund und Winzer Alois Lageder an und fragte, ob er seine Container nicht auf dessen Weingut stellen könne. Das war 2010. Eigentlich sollte die „Laurin Suite@Paradeis” ein Jahr später wieder abgebaut werden. Doch sie läuft zu gut.

Um zum Außenposten des „Parkhotel Laurin” zu kommen, fahre ich 30 Minuten von Bozen nach Margreid, in ein kleines Dorf an der malerischen Weinstraße. Auf Lageders Gut angekommen, geht es an der Weinschenke vorbei, durch ein gusseisernes Tor, ich lasse einen leer stehenden Renaissancepalast aus dem 17. Jahrhundert und eine alte Getreidescheune rechts liegen, bis am Ende eines langen knirschenden Kiesweges, der durch grünes Pflanzengewirr fährt, die Metallboxen auftauchen. Von außen wurden sie mit Camouflage-Muster bemalt, das an Baumrinde erinnern und sich so in die Umgebung einfügen soll. Die Umgebung ist ein großer, in langen Jahrhunderten gewachsener Park, am Fuß der Margreider Lage „Paradeis” — was im Dialekt so viel bedeutet wie Tomate und das @Paradeis erklärt. Von innen wurden die Container gehörig aufgemotzt — mit Holzfußboden, Klimaanlage, Jacuzzi und Biedermeiermöbeln.

Alois Lageder sitzt in seiner Weinschenke und wirkt selbst ein wenig überrascht von dem Erfolg des Luxuscontainers, der da in seinem Garten steht. „Im ersten Jahr war es ein Gag, das zweite Jahr haben wir wegen der Nachfrage weitergemacht, und nun wird es wohl eine feste Einrichtung”, sagt der Winzer und gießt sich noch ein Glas Krafuss ein. Vor allem Hochzeitspaare nutzen die Suite. Erst feiern sie auf dem Gut in dem denkmalgeschützten Renaissancepalast mit riesigen Fresken, aber ohne elektrisches Licht und Heizung. Und während die Gäste später in ihre Hotelzimmer in der Umgebung fahren, zieht sich das Paar in die Laurin Suite zurück. „Man muss die Ruhe zu schätzen wissen”, sagt der 61-Jährige. „Man versinkt in eine vergessene Welt.”

Was er meint, wird am Abend klar, als das Weingut schlagartig ausstirbt. Tagsüber ist es ein gut besuchtes Ausflugsziel. Der Winzer gilt als einer der Pioniere im Südtiroler Weinanbau. Er wirtschaftet biodynamisch nach den Methoden Rudolf Steiners, er beschallt Fässer mit Musik und lässt statt einer Klimaanlage lieber eine in den Gärkeller integrierte Felswand dafür sorgen, dass die Weine nicht wärmer oder kälter als 14 Grad werden. Doch sind die Führungen, die Verkostungen und der Verkauf vorbei, herrscht plötzlich Stille. Im Dorf plätschert nur noch ein kleiner Bach. Margreid hat keine Hotels, zum Restaurant fährt man und die Straßen haben nicht einmal Bürgersteige, die man hochklappen könnte.

„Wer bleibt denn sonst noch auf dem Anwesen?”, frage ich mit Blick auf meine anstehende Übernachtung. „Normalerweise unser englischer Gärtner”, sagt Lageder. Doch Nick, so heißt er, ist „in den Bergen unterwegs”. Ich werde also allein sein und bin froh, dass Hansi Piger, der in der Weinschenke arbeitet, mich als eine seiner letzten Amtshandlungen durch die Dunkelheit zur Suite bringt. Wir nehmen den Kiesweg durch den „Garten im Schatten des Paradeis”, sagt Hansi. Klingt nach einem guten Titel für einen Krimi — also nicht besonders vertrauenerweckend. Die Erklärung ist allerdings botanischer Art: Die Pflanzen, die hier stehen, gedeihen nur im Schatten.

Der Weinberg, der sich direkt hinter der Suite erhebt, ist in der Dunkelheit nicht mehr auszumachen. Hansi beschließt, Energie zu sparen, und schaltet auch die Außenbeleuchtung des Containers aus. Jetzt geht sie nur noch an, wenn sich draußen jemand bewegt. Im Garten bleibt es zum Glück dunkel. Erst einmal. Jetzt Stille. Nur Kirchenglocken läuten. Gut, dass der Container für Genießer hergerichtet wurde! Ich öffne die Flasche Lagrein auf dem Tisch und schalte den Fernseher ein, dessen Boxen in der Decke sowohl im Wohn- als auch im Badezimmercontainer angebracht sind. Surround-Sound. Alles wie im Luxushotel. Nur dass keine Zimmernachbarn stören. Und auch man selbst kann lärmen, so viel man will. Ich drehe die Lautstärke des Fernsehers auf, sodass ich Detlev Buck auch in der Wanne verstehen kann, obwohl ich die Düsen für die Blubberblasen bereits eingeschaltet habe. Ja, so kann man vergessen, dass sich beim Blick aus dem Fenster ein schwarzes Nichts auftut. Ich schlüpfe samt Buch unter die Bettdecke. Auf das Dach prasselt Regen. Ganz gemütlich. Ich döse weg. Doch plötzlich ein Getöse, als hätte jemand 20 Föne auf einmal angestellt. Der Lärm kommt aus dem Bad. Ich renne rüber in den anderen Container. Die Düsen in der Wanne sind angegangen. Von allein? Oder hat sie jemand eingeschaltet? Keine Panik. Ich schiebe vorsichtig die Gardine vor dem Fenster zur Seite. Den Kiesweg kann niemand gerade erst entlanggekommen sein, denn das Licht ist weiterhin aus. Noch ein Schluck Rotwein. Ich schlafe hervorragend in dem weichen Doppelbett.