Welt am Sonntag

Datum: 2. April 2006
Fotos: LAIF

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Öl auf der Haut, Butter im Magen

Ayurvedische Anwendungen gelten hierzulande als ein wunderbarer Weg zur Entspannung. Richtig durchgeführt sind sie aber eine Tortur. Ein Selbstversuch

„Wenn schon Ayurveda, dann auch mit Stirnguß“, hatte ich der Dame vom Spa gesagt. Schließlich sehen die Frauen in den Wellness-Prospekten dabei immer so entspannt aus, so makellos erholt. Doch nun liege ich mit einem Lappen auf den Augen unter einer Kupferschale, durch deren Loch im Boden ein feiner Strahl warmen Öls unaufhörlich auf meine Stirn und dann weiter in den Nakken läuft. Meine Kopfhaut kribbelt, als hätten sich kleine Tierchen in den Haaren verfangen. Statt meditativer Erleuchtung oder dem Gefühl totaler Entspannung stellt sich bei mir nur Unwohlsein ein.

Doch der Mann schwingt das Gefäß immer wieder von rechts nach links. Am Ende weiß ich: 30 Minuten Dauerstimulation von bislang selten herausgeforderten Nervenzellen ist nicht meine Sache. „Ayurveda ist nicht so romantisch, wie es sich die meisten vorstellen“, sagt auch Iris Hüttner vom Deutschen Wellness Verband.

Wer sich in Indien als Ayurveda-Arzt bezeichnen möchte, muß die älteste Gesundheitslehre der Welt elf Semester an der Uni studieren. Zwar gehen auch Inder mit einem Beinbruch zum Mediziner. Mit einer Schuppenflechte oder Schlafstörungen schaut man aber beim ayurvedischen Vaidya vorbei.

Bei uns wird die indische Medizin allerdings als verzärtelte Wellness-Anwendung vermarktet. Und die Nachfrage boomt. Nur meinen viele Menschen, sie würden bereits Ayurveda machen, weil man sie mit warmem Öl einreibt. Dabei geht es bei der Heilkunde um viel mehr als um esoterische Streicheleinheiten. „Wenn Sie einfach nur eine Wohlfühl-Massage haben möchten, dann müssen Sie keine teure Ayurveda-Anwendung buchen“, so Hüttner.

Um herauszufinden, was das „Wissen vom Leben“ wirklich ist, muß man nicht gleich ins Land der heiligen Kühe fliegen. Auch bei uns bieten immer mehr Häuser die östliche Lehre möglichst authentisch an. Seit eineinhalb Jahren kann man sich zum Beispiel im Ascara Health & Beauty Center des Kempinski-Hotels „Falkenstein“ in Königstein bei Frankfurt von einem original Ayurveda-Team aus Sri Lanka behandeln lassen.

Jede Kur beginnt mit einer Konsultation bei Kamal Serasinghe: „Ich werde nun Ihr Dosha bestimmen“, erklärt der Ayurveda-Lehrer. Das klingt zunächst einmal spannend und beginnt mit einer Art Verhör: „Können Sie mehrere Dinge auf einmal machen?“ „Haben Sie eher warme oder kalte Hände?“ „Werden Sie unter Streß schnell wütend?“ „Sehr wütend?“ Er streicht über meinen Arm, zupft an einer Haarsträhne und begutachtet Zunge und Zähne. Dann fühlt er den Pulsschlag. „Ihr Puls ist eher wie ein Frosch“, sagt Serasinghe. Er hüpfe und habe weniger von einem ruhigen Schwan. Am Ende bin ich eine Mischung aus Pitta und Vata.

Dazu muß man folgendes wissen: Die Grundidee des Ayurveda ist, daß jeder Mensch aus den fünf Elementen Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum besteht. Sie wirken im Körper in Form von drei Energien, den sogenannten Doshas Pitta, Vata, Kapha. Nach der altindischen Gesundheitslehre kommt jeder Mensch mit einem bestimmten Dosha-Mix auf die Welt. Schafft man es, diesen so gut es geht zu erhalten, bleibt man gesund und munter. Gerät das Gleichgewicht durcheinander, wird man krank.

Das Ziel einer Ayurveda-Kur ist daher innere Balance. Die erreicht der Therapeut zum einen durch einen individuellen Ernährungsplan, der nach der Analyse überreicht wird. Nun weiß ich, daß für Pitta-Vata-Menschen wie mich zum Beispiel Roggen, Ananas und Paprika tabu sind. Gurke, Dill und, was immer das sein mag, Mungdal hingegen sind prima.

Eine zweite wichtige Zutat auf dem Weg zum ausgeglichenen Dasein sind die auf den Dosha-Typ abgestimmten Kräuteröle. Das erste Öl, mit dem zunächst mein Kopf massiert wird, riecht nach verbrannter Kokosnuß. Das zweite fürs Gesicht süßlich nach Rosen. Recht viel Öl kommt bei der für Ayurveda typischen Synchronmassage zum Einsatz. Sie ist allerdings nur etwas für Menschen ohne Hemmungen und Berührungsängste. Nackt und auf dem Rücken liege ich vor zwei Männern mit Schürze, die gleichzeitig an mir herumkneten und -streichen. Herauszufühlen, wessen Hand sich gerade wo auf meinem Körper befindet, ist unmöglich. Sich nicht ein wenig entblößt vorzukommen auch.

Die ayurvedische Königsdisziplin ist die Pancha-Karma-Kur. Eine Reinigungstherapie zur Entschlackung, bei der „schädliche Körpersäfte ausgeleitet“ werden sollen. „Um richtige Resultate zu sehen, müssen Sie die Kur 21 Tage lang machen“, erklärt Kemal Serasinghe. An jedem Tag werden vier verschiedene Behandlungen durchgeführt. Zum Beispiel morgens eine Stunde Yoga, nachmittags ein kribbelnder Stirnguß, dann ein Blütenbad und später eine Fußmassage.

Spätestens da merkt man, daß Ayurveda kein kurzer Wellness-Spaß ist. Aber das ist noch nicht alles. Beim Pancha Karma geht es nämlich nicht nur um Bäder und Streicheleinheiten. Zur Therapie gehören unter anderem das Trinken geklärter Butter, Ghee genannt, auf nüchternen Magen, bitterer Kräutersäfte und Fastentage. Neben Nasenspülungen, Inhalationen und Abführmitteln gibt es auch Einläufe.

Im „Kempinski“ bekommt man diese wenigstens auf dem Fünf-Sterne-Zimmer. Erbrechen und Aderlaß, die in Indien auch dazugehören, bleiben den Deutschen ebenfalls erspart. „Wir bieten die authentische, aber abgemilderte Form“, sagt Serasinghe.

Aber auch die softere Version hat sich bei chronischen Kopfschmerzen, Diabetes, Asthma oder Rheuma bewährt. Und auch Streß, Erschöpfung und Verspannungen sind nach einer Kur verschwunden. Wie die Erfolge zustande kommen, kann bislang keine seriöse Studie erklären. Wie auch? Ein Schulmediziner kann noch so lange nach Doshas suchen, er wird die Energien mit Hilfe der Anatomie kaum finden.

Drei Erklärungen legt der gesunde Menschenverstand nahe: Erstens steigert die Wärme des Öls die Durchblutung und den Stoffwechsel. Zweitens ist die Aufmerksamkeit, die einem vor der Behandlung zugute kommt, wahrscheinlich schon der erste Schritt zur Besserung. So gut wie Herr Serasinghe hört einem kein Arzt zu. Und drittens: Wie soll man bitte noch verspannt oder gestreßt sein, wenn man jeden Tag einen einen Körperteil massiert bekommt?