Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Datum: 19. Oktober 2003

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Mehr Sex als Verstand

Der Amerikaner Terry Richardson ist als Modefotograf so umstritten wie erfolgreich. Sein Konzept ist es, kein Konzept zu haben. Sein Leben funktioniert so ähnlich

Wer sich die Modewelt glamourös und schillernd vorstellt, könnte von Terry Richardson enttäuscht sein: Der Fotograf aus New York trägt ein rotes Holzfällerhemd, in der Gesäßtasche seiner ausgebeulten Jeans steckt eine Zeitung, zu schwarzen Leinenturnschuhen kombiniert er weiße Socken. Mit den kinnlangen Koteletten, dem Schnauzer und der monströsen Brille ist er eine Mischung aus Burt Reynolds und Atze Schröder.

"Ich bin einfach ich, und ich trage keine albernen Outfits, nur um so ein Mode-Idiot zu sein", sagt Richardson. Auch bei der Arbeit hat der Amerikaner einen ganz eigenen Stil: Seine Technik ist das Fehlen von Technik. Richardson zieht seine Kamera wie ein Cowboy die Pistole: Er macht Schnappschüsse von Männern, die in Nachtclubs masturbieren, und von Frauen, die sich Zungenküsse geben, die Hand in ihren Slip und Blumen lasziv in den Mund schieben. Richardson zeigt Schamhaare, Schamlippen und Schamgrenzen.

Und hat Erfolg damit: Das Zusammenspiel aus roher Energie und Erotik ist in der Branche begehrt. Richardson hat unter anderem für Armani, Tommy Hilfiger und Gucci fotografiert. Seine Bilder sind in der "Vogue", "Harper's Bazaar" und "Sports Illustrated" erschienen. Style-Zeitschriften wie "Dazed & Confused" und "The Face" machten aus dem Modefotografen einen Künstler. Seit sechs Jahren fotografiert er für die Kampagne des italienischen Modelabels Sisley. Die "Porno-Promotion" sorgte für Schlagzeilen, Protestaktionen und gute Verkaufszahlen. Bilder aus der Sisley-Werbung sowie bislang unveröffentlichte Aufnahmen sind noch bis zum 23. November in der Ausstellung "Too Much" in den Kunst-Werken Berlin zu sehen.

Im Gespräch wirkt der Fotograf, dessen provokante Bilder viele schockieren und anekeln, zunächst harmlos. Wenn er mit dem Mikrofon spielt und dazu Hubschraubergeräusche macht, einer Unbekannten am Nebentisch fröhlich zuwinkt und dabei auf Fruchtgummis kaut, gibt der Achtunddreißigjährige das große Kind. Aber schnell merkt man, daß dieses Kind über eine sehr erwachsene Phantasie verfügt. So erklärt Richardson dem Gegenüber zunächst seinen "mentalen Trick" ("Ich kann Sie jetzt nur durch meine Konzentration dazu bringen, Ihr Shirt auszuziehen"), über den er sich köstlich und immer wieder amüsiert. Dann lädt er zur nächtlichen "Orgie" im Hotel ein - Zimmernummer und Vorwarnung inklusive: "Klar muß jeder mit mir schlafen, der fotografiert werden will. Aber am Ende machen ja eh alle miteinander rum", sagt er und ergänzt: "Badabubadabing!" Richardson liebt es, Menschen zu irritieren. Auf tiefsinnige Analysen seiner Bilder hat der Fotograf hingegen wenig Lust. Sollen Kritiker doch eine Abrechnung mit der Modewelt in seinen Fotos erkennen: "Ich denke nicht so viel über meine Arbeit nach. Ich tue einfach, was mir Spaß macht - Sex macht mir Spaß." Warum er mit seinen Bildern provozieren will? "Ich bin ein Gauner, und irgendwer muß es ja tun."

"Style with a smile" nennt der Mann mit den tiefen Lachfalten um die Augen seine Lebenseinstellung. Er zieht an seiner Zigarette, breitet die Arme aus und singt: "Smile, what's the use of crying. Smile when you feel like dying." Wichtig scheint dem Entertainer Richardson allein die Echtheit seiner Fotos - jede Pore, jeder Pickel soll zu sehen sein. Selbst Sisleys Kleidung bleibt unbearbeitet. "Photoshop? Ich kann nicht mal eine E-Mail schreiben", versichert Richardson, der gern damit kokettiert, ein Antiintellektueller zu sein. Auch als der Leiter der Kunst-Werke Richardsons ungeschminkte Fotos eifrig unter dem Begriff "Authentizität" einordnet. "Authentizität, das muß ich erst mal nachschlagen", sagt Richardson, lehnt sich zurück, verschränkt die Arme und zeigt sich über die eigene Lässigkeit sichtlich amüsiert.

Seine High-School-Zeit verbrachte Richardson im kalifornischen Ort Ojai, wo er mit Freunden die Gang "SSA" ("Signal Street Alcoholics") gründete - glaubt man seinen Erzählungen, war der Name Programm: Nur zwei der sechs Mitglieder leben heute noch. Drei starben an einer Heroin-Überdosis, der vierte wurde von der mexikanischen Mafia erschossen. "SSA" hat sich Richardson auf seine Brust tätowieren lassen. Auf seinen Armen prangten unter anderem ein Adler und ein Anker. In diesem Sommer kam ein weiteres Motiv hinzu, ein Bild, das ihn als Neunjährigen zeigt: "Es ist einfach eine wunderschöne Sache, neun Jahre alt zu sein", erklärt er und bleibt dabei ausnahmsweise ernst: "Man weiß noch so wenig über so viele Dinge. Man ist noch so unschuldig."

Ganz unschuldig wird Richardson allerdings auch zu dieser Zeit nicht mehr gewesen sein. Er wuchs bei seiner Mutter auf, einer Stylistin, die Anfang der siebziger Jahre mit ihm von New York nach Woodstock zog. Seine frühe Kindheit fand inmitten von Rock-'n'-Roll-Partys und Drogenexzessen statt. "Mit Affären im Haus bin ich groß geworden", erzählt Terry Richardson. Sein Vater Bob Richardson, ein bedeutender Modefotograf der sechziger Jahre, verließ seine Mutter wegen der damals 17 Jahre alten Angelica Houston; später landete er wegen Drogenkonsums und einer schweren psychischen Krankheit in der Gosse. Seine Mutter soll Affären mit Jimi Hendrix und Kris Kristofferson gehabt haben. Angelica Houston wunderte sich einmal: "Mein Gott, deine Eltern sind so fertig. Ein Wunder, daß du so normal geworden bist." Nach der High School ging Richardson nach Los Angeles, um in Punkbands Baß zu spielen. Ähnlich wie Wolfgang Tillmans und Nan Goldin begann er, das Nachtleben und seine Freunde in der Szene zu fotografieren. Dann zog Terry Richardson nach New York. Sein Vater, dem es wieder besser ging, kam kurze Zeit später nach. Gemeinsam fotografierten sie ein halbes Jahr lang und nahmen 1992 einen Job für das "Vibe Magazine" an, den Terry Richardson dann aber allein machte. Die Bilder wurden preisgekrönt. Ein Auftrag folgte auf den anderen.

"Sich seinen Humor zu bewahren ist das Wichtigste", sagt Richardson. Und wahrscheinlich ist es seine extrovertierte lustige Art, die die Models so hemmungslos agieren läßt. "Ich bin immer wieder verblüfft, was die Leute alles vor der Kamera machen und wie gern sie sich ausziehen. Dinge, um die man sie gar nicht gebeten hat", wundert er sich. Oft zieht sich Richardson bei den Shootings selbst aus, und alle fotografieren sich gegenseitig. Schließlich würde er nie jemanden bitten, etwas zu tun, das er nicht auch tun würde. "Wenn sich also jemand ausziehen soll, dann ziehe ich mich halt auch aus. Badabubadabing!"

Richardson macht nicht viel Wirbel um seine Arbeit. Während die meisten Fotografen mit einer Horde Assistenten, Lichtanlagen, Stativen, Objektiven und Reflektoren am Set auftauchen, erscheint er mit zwei Kleinbildkameras in der Hand. Es gibt keinen Entwurf, kein Konzept.

Auch wenn es um seine eigene Person geht, verzichtet der Junggeselle auf vordergründige Inszenierungen. Am Abend steht Richardson mit einer Cola in der Hand und immer noch im Holzfällerhemd am Einlaß für die Ausstellungsfeier. "Aber das ist doch meine Party", erklärt er dem Türsteher ruhig, der ihn nicht durchlassen will, und wartet, bis seine Assistenten ihn hineinschleusen. Drinnen ist er wieder umgeben von den hübschesten Frauen des Abends, die garantiert wissen, wer er ist. Und mit Sicherheit haben sie schon seine Zimmernummer.