Financial Times Deutschland

Datum: 10. März 2006
Fotos: Quentin Bertoux

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Traum für Notizen

Eigentlich müssten Notizbücher längst ausgestorben sein. Stattdessen vermehrt sich das Angebot an analogen Gedächtnishilfen ständig. Das ist gut, man will ja nicht immer nur mit der Kladde von Hemingway rumlaufen

Zu Beginn seiner Innovations-Workshops verbreitet Oliver Groß ein bisschen Nostalgie: Er verteilt Notizbücher. Dort hinein sollen die teilnehmenden Manager ihre Gedanken notieren. Nicht etwa, weil man auf ein Blatt Papier automatisch Schlaueres schreiben würde als auf einem Handheld oder Laptop. Aber man schreibt langsamer: „Wir entdecken alte Tugenden als eine effektive Führungskompetenz. Zeit hat sich immer bewährt“, erklärt der Berater aus Frankfurt seine Notizbuchstrategie. Denn wer Ideen und Gedanken handschriftlich zwischen zwei Buchdeckeln festhält, überlege vorher gründlich. „Menschen streichen nicht gern durch“, sagt Groß.

Ein Notizbuch zu kaufen ist ein rebellischer Akt. Mit ihm befreit man sich nicht nur von hetzenden Computern, sondern protestiert auch gegen Ladevorgänge und drohende Komplettabstürze. Das analoge Speichermedium führt eine bescheidene, unaufgeregte Existenz, die immer mehr Menschen zu schätzen wissen.

Die Entdigitalisierung startete vor acht Jahren. Damals legte ein kleiner Mailänder Verlag das Moleskine (ausgesprochen: „Moleskien“) wieder auf, die Kladde von Künstlern und Intellektuellen wie Hemingway oder Picasso. Bald darauf notierte jeder mit halbwegs intakter Trendsensibilität seine Gedankenblitze in den existenzialistisch schwarzen Büchlein mit Fadenheftung, Lesebändchen und Gummischlaufe.

Mit ihnen kann man sich zwar von Technomanen abgrenzen, die mit Plastikstäbchen auf virtuellen Tastaturen rumtippen. Doch für Notizbuchliebhaber sind sie inzwischen so spannend wie „Café del Mar“ für Musikfreunde. Kenner weichen auf Exoten aus: „Es gibt immer mehr Manufakturen, die originelle Notizbücher in kleinen Mengen herausbringen“, sagt Sabine Klein von der Berliner Papeterie RSVP. Der kleine Laden in Berlin-Mitte verkauft neben Moleskine auch Hefte in limitierten Serien, die einem nicht auf jedem Kaffeehaustisch begegnen.

Den Gedankenträger der portugiesischen Marke Serrote etwa wird man selten treffen. A5-Heftchen, deren Umschläge zwei Designer an einer alten Druckmaschine mit handgesetzten Motiven verzieren.

Die Kollektion Mustertussi der Künstlerin Sabine Hartung besteht aus handgefertigten Unikaten. 14 verschiedene Schreibheftsorten gibt es derzeit, vom Blumenheft mit Einband aus Originaltapeten der 50er und 60er Jahre bis zum Holzheft in Ahorn, Eiche und Esche. Die Muster sind keine oberflächliche Angelegenheit, sondern tauchen im Inneren der Heftchen wieder auf.

Für bibliophile Notizbuchschreiber sind die dünnen Papierbündel freilich nichts. Bei regelmäßigem Gebrauch sind sie schnell voll, und der Blick zurück reicht nie weit. Dabei empfiehlt Berater Oliver Groß: „Ich rate unseren Kunden, morgens und abends ihr Notizbuch noch einmal durchzugehen. So kann man seine eigenen Gedanken noch einmal nachvollziehen, sie ordnen und wirken lassen.“ Also wählt man lieber etwas Robustes, das vielleicht nach Gebrauch sogar noch ins Regal wandern kann. Notizbücher mit Metallkanten zum Beispiel gibt es bei Manufactum.

Soll das neue Notizbuch ein ständiger Begleiter werden, muss ein robuster Einband her, aus Leder etwa. Streichelzartes Veloursleder und warmes weiches Nappa fassen sich besonders gut an. Ausgefallener sind geprägte farbige Varianten in fliederfarbener Straußenoptik oder Schlangenprägung in Rot.

Für das Modell Globe-Trotter aus echtem Krokoleder von Hermès zahlt der Kunde über 2000 €. Ist das Innenleben voll geschrieben, geht der Alligator zum Glück nicht in den Ruhestand, sondern kann neu bestückt werden. Trotzdem dürfte es Überwindung kosten, in so ein Büchlein die Einkaufsliste zu schmieren.

Praktischerweise hat ein Notizbuch einen Stifthalter. Bei Manufactum, Huldiger des guten Alten, hat der Moleskine-Ableger Kompagnon von der deutschen Firma Brunnen sogar die sonst überrepräsentierten Italiener aus dem Sortiment verdrängt – wegen seiner Stiftlasche. Es gibt aber auch Bücher, in deren Seiten eine Kerbe gestanzt ist oder wo der Verschluss das Schreibgerät aufnimmmt.

Womit wir bei einem weiteren Prüfstein des perfekten Notizbuchs sind: Ein Verschluss hält die Gedanken zusammen. Von Riemchen und Bändern ist allerdings eher abzuraten. Sie sehen zwar schick aus, doch kann der dringend festzuhaltende Gedanke bereits vorbeigezogen sein, bis der Verschluss entwirrt ist. Besser sind Gummibänder – wie bei Moleskine – oder Druckknöpfe. Ein weiteres wertvolles Extra ist eine Innentasche, in die man zum Beispiel Visitenkarten stecken kann. Lesebändchen erleichtern das Aufgreifen des letzten Gedankens.

Vor dem Kauf ist zudem abzuwägen, ob man das ausgewählte Notizbuch stets bei sich tragen möchte. Im Prinzip gilt dann natürlich: Je leichter, desto besser. Doch was nützt das dünnste Papier, wenn dann der Stift durchdrückt? Eine gute Lösung hat der britische Hoflieferant Smythson gefunden. Sein extraleichtes „Featherweight Paper“ macht 200 Seiten im Handtäschchen tragbar und verträgt selbst Tinte ohne Probleme.

Zudem helfen die schicken Büchlein in Rosa, Türkis und Lila mit glamourösem Gold- oder Silberschnitt auch jenen auf die Sprünge, die zwar Notizbücher schick finden, aber nicht so recht wissen, was sie eigentlich dort hineinschreiben sollen. Smythson hat die Inhaltsangabe ins Leder geprägt: „Me, Myself & Shopping“.