Financial Times Deutschland

Datum: 14. Oktober 2005

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Teuerwasser

Früher war Wodka der Gin des Ostens: Billig, geschmacksarm und stark. Jetzt adeln immer mehr nuancenreiche und hochpreisigere Sorten das Getränk. Stark sind die immer noch

Wenn Jürgen Deibel erzählt, dass er sich beruflich mit Wodka beschäftigt, dann schauen ihm die Leute erst einmal prüfend ins Gesicht. "Die wollen gucken, ob ich eine dicke rote Säufernase habe", erklärt der Spirituosen-Sommelier und Träger eines durchschnittlichen Riechorgans. "Wir haben in Deutschland noch keine Wodkagenusskultur", sagt Deibel bedauernd. Das Nationalgetränk der Russen ist bei uns noch immer als billiger Kartoffelschnaps verschrien, als pubertäre Lockerungsübung, die verquirlt mit O-Saft oder Cola kaum mehr nach Alkohol schmeckt, aber trotzdem nachhaltig benebelt.

Nun soll aus dem Gesöff ein Genuss werden. Die Aufwertung der "kleinen Wässerchen", so die Übersetzung aus dem Russischen, zu einem großen Tropfen ist bereits in vollem Gange: "Seit zwei Jahren nimmt der Wunsch nach hochwertigen Wodkas bei den Gästen massiv zu", beobachtet Steffen Weichert. Der Barchef des Billy Wilder's in Berlin hat schon mal vorgesorgt. Hinter seinem Tresen warten 80 ausgesuchte Sorten auf die Kehlen der Kundigen.
Vor allem nach Luxuswodkas wird immer häufiger gefragt. Viele der gewünschten Marken musste sich der 32-jährige Weichert bislang im Ausland besorgen. Inzwischen gibt es einige auch schon in besser sortierten Kaufhäusern. In den USA und Großbritannien sind die exklusiven Brandweine schon vor einiger Zeit zum In-Getränk avanciert - und werden häufig nicht nur als Wodkatini oder Cosmopolitan, sondern auch pur getrunken.

Denn so zergehen die Unterschiede zu den Standardschnäpsen natürlich am besten auf der Zunge. Die besonders guten Wässerchen sind feiner, nuancenreicher - und kosten auch schon mal das Dreifache. So bringt die schwedische Marke Absolut neben ihrem gängigen Premium noch einen so genannten Super-Premium mit dem Namen "Level" heraus. Auch die Konkurrenz legte unlängst Edelwodkas vor: Wyborowa mit "Single Estate" und Smirnoff mit "Penka".

Den Unterschied macht die Qualität des Rohstoffs, der Aufwand bei der Produktion und die Verpackung. Im Vergleich zum regulären Smirnoff Wodka wird der Roggen für den Penka zum Beispiel nicht drei-, sondern vierfach destilliert. Beim "Level" von Absolut verleiht eine zusätzliche Destillation in einer kleinen Brennblase den eigenen Geschmack. Und für den "Single Estate" von Wyborowa wird ausschließlich die Roggensorte "Dañkowskie Gold" verwandt, die nur auf penibel ausgewählten Feldern angebaut wird. Qualität setzt sich offenbar tatsächlich durch. Die Flaschen, in denen die kleinen Gaumenfreuden abgefüllt sind, erinnern dabei an übergroße Parfumflakons. Die in sich gedrehte Flasche des Edel-Wyborowa wurde von Stararchitekt Frank Gehry entworfen, der auch das Guggenheim-Museum in Bilbao gebaut hat.

Aber nicht nur die Ableger der Klassiker machen auf schick: Einige Marken wurden extra und mit der neuen anspruchsvollen Klientel im Blick erfunden. Vor zwei Jahren und nicht ganz ohne Nationalstolz kam so der "Xellent" in einer rot-weißen Flasche auf den Markt. Er ist der erste Wodka aus der Schweiz. Eine weitere Besonderheit: Das Wasser, mit dem der destillierte Roggen-Alkohol auf Trinkbarkeit verdünnt wird, stammt aus dem heimischen Titlisgletscher.

Der 1997 auf den Markt gekommene "Grey Goose" aus französischem Getreide, in fünf Stufen destilliert und mit Wasser aus der Cognac-Region veredelt, wird als Promis Liebling angepriesen. Dustin Hoffman, Jude Law und Brad Pitt, hört man, sollen ihn trinken.

Trink mich, ich bin anders, dann bist du es auch. So lautet der Lockruf der neuen Wodkasorten. Das alte Spiel mit der Exklusivität. Und so versucht jeder mit seinem Produkt aufzufallen: Der "Three Sixty", laut Eigenwerbung der "Diamant unter den Wodkas", wird ausschließlich aus handverlesenem, zu 100 Prozent organisch angebautem Weizen gebrannt, das Destillat mit einem der aufwändigsten Reinigungsverfahren in der Spirituosenindustrie hergestellt: der 360-Grad-Diamant-Filtration. Ob er dadurch auch gleich besser schmeckt, kann nicht abschließend beantwortet werden. "Natürlich haben die Super- oder Ultra-Premium-Wodkas einen höheren Qualitätsanspruch. Aber das heißt nicht, das der teuerste auch der leckerste ist", erklärt Jürgen Deibel.

Ungeschlagen im Wettstreit um den größten Aufwand ist der "Kauffman Private Collection" - einer der weltweit ersten und einzigen Jahrgangswodkas. Sein Weizen stammt von ausgewählten Parzellen und soll nur aus besonders guten Ernten verwendet werden. Die Abfüllung findet nur einmal im Jahr an einem einzigen Tag statt. Die erste limitierte Auflage kam 2002 auf den Markt.

Solch einen edlen Tropfen in einen Cocktail zu kippen wäre ein Sakrileg. Trotzdem, finwdet Barchef Weichert, sollte man auch Mischgetränke mit besseren Wodkasorten anrühren: "Auch in Cocktails und Longdrinks schmecken Sie die feinen Unterschiede heraus."

Da für die meisten Menschen aber bislang Wodka gleich Wodka ist, mag der Hype zunächst etwas unverständlich sein. Um zu begreifen, was Experten meinen, wenn sie sagen: "Der Xellent besitzt feine Beerentöne und einen elegant öligen Abgang", oder: "Der Belvedere hat in der Nase eine medizinisch-kräuterige Note", muss man sich durch ein paar Sorten durchtesten. Am besten probiert der Laie Wodkas aus verschiedenen Rohstoffen. Denn ob ein Wässerchen süß nach Mais oder kräftig nach Roggen schmeckt, erkennt auch die ungebildete Zunge.

Das beste an solchen Probestunden mit Wodka: Sollte das Testergebnis zu einem dicken Kopf am nächsten Morgen führen, kann man mit den Resten Katermittelchen wie eine Bloody Mary oder einen Bullshot anrühren und sich gleich selbst therapieren.