Financial Times Deutschland

Datum: 22. März 2002

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Strippen gegen die Schwarte

Mit langweiligem Aerobic ist in den USA kein Kurs mehr zu machen. Der
 Ausweg heißt Exertainment

Das würde Jane Fonda aus den Stulpen hauen: In Los Angeles verliert man beim Aerobic nicht nur Pfunde, sondern auch die Kleider. Zu Disco und R&B entblößen sich Menschen bis auf die Unterwäsche, bewegen die Hüften, rollen ihre Becken und streifen betont erotisiert Stück für Stück des verschwitzten Outfits ab.


"Cardio Striptease" heißt der US-Fitnesstrend, den junge Frauen auf High Heels genauso mitmachen wie ältere Herren, die sich schon immer mal lasziv aus dem Trainingsanzug pellen wollten. Und obwohl Skeptiker dem Verführer-Workout keine Überlebenschance prophezeiten, hat es der Kurs für Hobby-Exhibitionisten inzwischen von L. A. bis nach New York, Miami und San Francisco geschafft.



Eine Rebellion gegen brave Bauch-Beine-Po-Übungen. Denn beim Cardio Striptease geht es nicht nur ums Fett verbrennen und Muskeln straffen - sondern vor allem um Spaß. "Die Leute langweilen sich, sie wollen etwas Neues. Etwas, das sie wirklich motiviert, von der Couch hochzukommen", sagt Instructor Christopher Blake Mays von "Crunch", der wohl innovativsten Studiokette der USA.



Nicht nur der Trendsetter Crunch ist stets auf der Suche nach einem neuen Kick für die Mitglieder. Auch andere Centren wollen sich mit immer bizarreren Aerobicformen gegen die Konkurrenz durchsetzen. Und die wächst - auch in Deutschland. Seit 1990 hat die Republik rund 2500 Studios dazubekommen. In zehn Jahren, schätzt der Deutsche Sportstudio Verband, werden mindestens sieben Millionen Menschen in 8000 Clubs schwitzen. Trotzdem ist die deutsche Fitness-Szene noch nicht reif für Kurse wie Cardio Striptease: "Das ist nichts für uns. Da geht es nicht mehr um den Sport, sondern rein um die Unterhaltung", sagt Conny Hasselbach, Geschäftsführer der Hamburger Kaifu-Lodge.



Darum heißt der Trend zu unterhaltsamen Aerobic-Kursen in den USA Exertainment, eine Verbindung aus Exercise (Sportübungen) und Entertainment. Für mehr Spaß am Sport sorgt zum Beispiel auch "Cycle Karaoke": "Ride your bike and grab the mike", so der Slogan. Rauf aufs Rad, ran ans Mikro muss man sich so vorstellen: Wie bei einem Spinning-Kurs sitzen die Teilnehmer auf Fahrrädern und strampeln, während auf einer Leinwand ein Ball über den zu singenden Text hüpft. So wie manche gegen die Angst anpfeifen, sollen sich Spinning-Chöre die Anstrengung wegsingen. Hier zu Lande gibt es bislang nur die Light-Version: "Manche Trainer lassen beim Spinning einfache Refrains mitsingen", sagt Christian Lutz von der Meridian Academy, Hamburg.


Eher eine Sache der Lebenseinstellung ist "Punk Rock Aerobics": "Ich bin in Gyms immer angestarrt worden, als wäre ich ein Freak", sagt Hilken Mancini. Gemeinsam mit Maura Jaspers hat die Punkrockerin aus Übungen wie "die Luftgitarre" oder "der Headbanger" ein einstündiges Workout entwickelt. Zum Aufwärmen läuft "Beck", zum Schwitzen heizt "Dinosaur Jr." ein, und beim Cool Down singt Blondie. Statt Hanteln stemmen die Teilnehmer Ziegelsteine.



Conny Hasselbach sieht für diese - von der "Aerobic und Fitness Association of America" mittlerweile anerkannte - Aerobicform in Deutschland kein Publikum: "Punk Rock Aerobics hat den Hausfrauentest nicht bestanden." Vielleicht hätte Hasselbach besser Hausbesetzer gefragt. Auch der No-Future-Generation kann etwas Fitness nicht schaden. Und laut Mancini lässt sich die Wirksamkeit von Punk Rock Aerobics nicht leugnen: "Was meinen sie, woher Iggy Pop seinen Waschbrettbauch hat?", argumentiert sie plausibel.



Egal wie man sich bewegt, den Körper bringt es immer in Form. Da kann auch "Circus Sports" nur von Nutzen sein. Das bunte Zirkeltraining besteht aus Übungen wie Purzelbäume und Brücken schlagen, Ringe und Bälle jonglieren, am Trapez turnen und menschliche Pyramiden bauen. "Du fühlst dich wieder wie ein Kind", sagt der 29-jährige "Circus-Sports"-Fan Jennifer Gillespie aus Brooklyn. "Es gibt einen klaren Trend, Kinder-Aktivitäten wie Seil- und Trampolinspringen, Himmel und Hölle oder Hula Hoop in Kursen zu recyclen", bestätigt Ken Alan, Personal Trainer und Sprecher des "American Council on Exercise" (ACE). Da man dies prima im Freien machen kann, packen viele Trainer die Boom Box in den Rucksack und geben Outdoor-Kurse. Dort veranstalten sie Staffelläufe, lassen nach Zweigen springen oder Push Ups gegen die Wand machen. "Fitness muss nicht bedeuten, 30 Minuten auf einem Laufband zu rennen", sagt Alan.



Nein, man kann es ja einmal als Feuerwehrmann probieren. Beim "Firefighter`s Drill" gilt es, einen simulierten Häuserbrand zu bewältigen: Die Teilnehmer müssen sich vorstellen, 20 Stockwerke zu erklimmen. Dabei tragen sie zehn Kilo schwere Löschschläuche. Wenn sie dann - theoretisch - die Spitze des Wolkenkratzers erklommen haben, müssen sie imaginäre Türen aufbrechen, von Dach zu Dach springen oder durch Rauch kriechen. Das Highlight: Jeder darf Held spielen und ein Opfer in Sicherheit tragen. In Deutschland mangelt es noch an der richtigen Einstellung. Wer das anders sieht, kann sich zumindest das Buch "The Firefighter`s Workout Book" bei Amazon im Internet bestellen.



Auf die Suche nach letzten Überlebenden machen sich die Teilnehmer eines der jüngsten Crunch-Kurse. Die "Survivor"-Gruppe muss extrem anstrengende Übungen in rasanter Abfolge schaffen. Wer am Schluss noch steht, hat gewonnen. Das ist nicht wirklich gesundheitsfördernd, steigert aber garantiert den Adrenalinspiegel und weckt den Kampfgeist. Dem Gewinner winken ein kostenloser Energiedrink und temporärer Ruhm. Dafür haben manche schon mehr ruiniert als nur ihre Gesundheit.