Financial Times Deutschland

Datum: 14. April 2006

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Mich schüttelt’s

Eine neue Generation von Fitnessgeräten stählt schwabbelige Körper in Rekordzeit — mit Rüttelplatten, Stromstößen und Unterdruck

Wie sollen wir denn so Weltmeister werden? Gerade mal 10,3 Stunden pro Woche trainieren deutsche Fußballprofis im Schnitt. Das zumindest hat ein Sportwissenschaftler der Uni Hamburg errechnet und damit kurz vor der WM für ein aufgeregtes Medienecho gesorgt: Die Welt zu Gast bei schlappen Freunden?

Doch wir können die Gemüter beruhigen: Im Kraftraum der deutschen Elf kommt die Power-Plate zum Einsatz. Das ist eine Trainings-Zeitspar-Maschine, die aussieht wie eine futuristische Personenwaage am Bahnhof und durch Vibration schnell die Muskeln stählt.

Weil für Amateure ja nicht schlecht sein kann was für Profis gut sein soll, teste ich die Rüttelplatte im Fitnesscenter. „Zehn Minuten auf der Power-Plate ersetzen eine Stunde konventionelles Krafttraining“, sagt Stefan Wege, Trainer im Nobelstudio „Aspria“. Zunächst fühlt es sich an wie eine Waschmaschine im sanften Schleudergang. Es kribbelt ein wenig an den Füßen und in der Nase. Stefan Wege verwischt vor meinen Augen.

Doch mit bloßem Dastehen ist das Training leider nicht getan. Ich muss in die Hocke gehen. 45 Sekunden lang. „Tiefer!“, fordert Wege. Nach 30 fangen meine Oberschenkel an zu brennen. Die letzten zehn sind eine Qual. Es folgen Liegestütz, Schulterpresse, Ausfallschritt auf dem Ganzkörper-Vibrator. Zehn Minuten später wurden alle Muskeln in meinem Körper trainiert. Und ich bin aus der Puste. „Für den gleichen Effekt müsste man an mehreren Kraftgeräten arbeiten“, so Wege. Zur Entspannung werde ich vom Apparat ein bisschen locker geschüttelt.

Ursprünglich wurde die Zitterpartie für Astronauten entwickelt, deren Knochen und Muskeln im All schnell dahinschwinden. Da Hanteln in der Schwerelosigkeit sinnlos sind, vibrierten sie sich wieder in Form. Bei der Power-Plate funktioniert das mit 30 bis 50 Minischocks pro Sekunde. Die Muskeln kontrahieren, der Bizeps wächst, Fett schwindet.

„Der Muskel ist dumm und weiß nicht, ob der Impuls aktiv oder passiv ist“, erklärt Dr. Theodor Stemper, Sportwissenschaftlers an der Uni Düsseldorf. Eine Kniebeuge auf vibrierender Fläche sei also tatsächlich effektiver als ohne.

Schnell eine fitte Figur und das ohne großen Kraftakt – eine Vorstellung, die nicht nur Astronauten glücklich macht. Es ist der Traum aller Menschen mit Figurbewusstsein aber ohne Zeit und Lust stundenlang Gewichte zu stemmen. „Die High-Tech-Geräte helfen beim Training, wie der Computer im 21. Jahrhundert bei der Arbeit unterstützt“, so Wege. In immer mehr Fitnessclubs und Sportmedizin-Praxen finden sich Vibrationsgeräte mit Namen wie „Galileo“, „SRT-Trainer“ oder eben „Power-Plate“.

Der Hoffnungsträger für Frauen mit kräftigem Po sieht aus wie ein großes Plastik-Ei und umschließt mich bis zur Taille. Im Inneren wechseln die Druckverhältnisse während ich gemütlich auf dem Ergometer strample. Herrscht Unterdruck soll das Blut in die Problemzonen gesaugt, bei Überdruck schnell wieder abtransportiert werden. Die Methode geht davon aus, dass Blut ein entscheidender Faktor beim Fettabbau ist und nur gut versorgte Pölsterchen verschwinden können.

Die Trainingseinheit von 30 Minuten ist so anstrengend wie ein Spaziergang. Ein Traum für Bequem-Sportler. So leicht kriegt man nach Ansicht des Fachmanns sein Fett allerdings nicht weg: „Geräte, die Unterdruck und Wärme erzeugen, beschleunigen den Fettabbau nicht“, sagt Stemper.

Ein weiteres viel versprechendes Gerät aus der schönen, neuen Fitnesswelt ist der Bodytransformer. „Er funktioniert im Prinzip wie die Power-Plate“, erklärt Dr. Stemper. Nur dass man nicht geschüttelt, sondern unter Strom gesetzt wird. Netter klingt „Elektrostimulation“.

Also ran an die Elektroden. Komplett verkabelt, mit Manschetten an Armen, Beinen, Po und Brust sehe ich aus wie eine ferngesteuerte Marionette und warte auf meinen ersten Schlag. Angeschlossen bin ich an einen Schaltkasten mit Drehknöpfen für die verschiedenen Bereiche. Wenn Daniela Platz, meine Personal Trainerin für die nächsten 20 Minuten, ein bisschen daran dreht, fängt es an zu kribbeln. Gibt sie richtig Stoff, haut es mich fast um. Die Annahme, man könne wie bei den Geräten vom Homeshopping-Kanal, faul auf der Couch liegen, war also falsch. Beim Bodytransformer muss dem Impuls etwas entgegen gesetzt werden. Dazu nehme ich eine gewöhnungsbedürftige Toiletten-Haltung ein und versuche alle meine Muskeln gleichzeitig anzuspannen. Was nicht ganz einfach ist. Nach drei Sekunden folgen fünf Sekunden Pause. Am Ende weiß ich: Körperzuckungen sind unangenehm und anstrengend.

Dafür liest sich die lange Liste der Trainingseffekte verlockend: Stark, straff, schön und schmerzfrei sollen die Stromschläge machen. 30 Minuten sind laut Hersteller so effizient wie zehn Stunden konservatives Training mit Gewichten. Das würde sogar die Power-Plate toppen.

Sollten wir also unsere Hanteln in die Ecke feuern und alle Aerobic-Kurse aus dem Kalender streichen? Nein, glaubt Theodor Stemper: „Im ersten Vierteljahr sind die Effekte zwar beeindruckend, doch der Stimulus lässt nach. Außerdem wird das eintönige Training schnell langweilig.“

Für Nichtmitglieder der Deutschen Nationalmannschaft hat die „Speed Fitness“ einen weiteren Haken: Den Preis. Zehn Trainingseinheiten kosten bei allen Geräten im Schnitt um die 200 bis 300 Euro. Nicht nur Zeit ist Geld. Zeitsparen auch.