Financial Times Deutschland

Datum: 23. Februar 2007

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Das ist der Wipfel

Baumhäuser sind nicht bloß was für Tarzan und Bart Simpson. Einen ökologisch korrekten Wohnsitz inmitten von Laub und Geäst kann sich jeder in eine deutsche Eiche bauen lassen

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als sei ein Raumschiff in die beiden Buchen gerauscht. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich das vermeintliche Flugobjekt als Gebäude: Ein keilförmiges Haus mit Sonnendeck hängt an Gurten in den Bäumen, die auf einem Reiterhof in der Nähe von Bremen stehen. Der Eingang ist eine Luke im Boden, der Raum hat eine Schlafstelle, ein Oberlicht und Fenster rundherum.

Die Holzgebilde von Architekt Andreas Wenning haben wenig gemein mit den zusammengezimmerten Bretterbuden aus Kindertagen. "Für mich sind alte Formen des Baumhauses Architektur der vergangenen Jahrhunderte", sagt der gelernte Tischler und Inhaber der norddeutschen Firma Baumraum. Das typische Wipfelhaus mit kleinem Fenster und ohne Blick auf die Baumkrone hat nach seiner Meinung das Thema schlicht verfehlt. "Ich will klare Formen, die dem Standort Baum entsprechen", sagt Wenning.

Sein erstes Projekt für einen Kunden setzte er 2004 um. In den letzten zwei Jahren hat er 13 weitere ambitionierte Gebilde ins Geäst gehievt. Für 2007 sind bereits zehn neue in Planung. Baumhäuser erleben derzeit in Europa und den USA eine echte Renaissance - und eigentlich müsste man sagen: mal wieder.

Bereits Ende des 17. Jahrhunderts entdeckte James Cook in Tasmanien Einheimische, die in Baumhütten lebten, um sich Tiere und Angreifer vom Leib zu halten. Die Idee brachte er zurück nach Europa. In Frankreich waren die originellen Hochbauten der Wilden um die vorletzte Jahrhundertwende in Mode. In den 60ern entdeckten Hippies die luftigen Residenzen für sich und richteten sich in Amerikas Wäldern häuslich ein.

Die Wipfelstürmer von heute sind meist nur von der Idee eines zusätzlichen Zimmers in der Abgeschiedenheit der Natur fasziniert. Auch wenn es die nur ein paar Meter vom Haus entfernt im eigenen Garten gibt. "Ich kenne niemanden, der in Deutschland Vollzeit darin wohnt", sagt Wenning.

Weltweit gibt es inzwischen etwa 20 Firmen, die die Konstruktion von Baumhäusern anbieten. Sie erledigen alles von der Planung bis zur Fertigstellung. Wie bei jedem Traumhaus muss erst einmal ein Baumgutachter sein Urteil fällen, die Statik genau berechnet und ein Bauantrag gestellt werden.

Wer sein Häuschen weniger modern, sondern eher klassisch mag, kann sich an die schottische Firma Pear-Tree-House wenden. Ihre Häuser würden auch Robin Hood oder Tarzan und Jane gefallen. Der nach eigenen Angaben größte Baumhausbauer der Welt setzt vor allem auf Luxus. In Schottland hat man bereits Luftschlösser mit allen Annehmlichkeiten eines Wohnhauses ausgestattet: Klimaanlage, Internetanschluss oder Whirlpool, alles kein Problem. Die teuerste Pear-Tree-Variante kann dann schon mal 120.000 Euro kosten. Die einfachste Version für Kinder gibt es ab 5000 Euro.

Doch selten werden die kleinen Fluchten allein als Spielplatz für die Kinder oder Enkel in Auftrag gegeben. Eine Baumraum-Kundin ließ sich gerade ein Meditationshaus zwischen die Äste setzen. Eine Familie in Apulien ließ sich eine Art Gemeinschaftsraum ins Grüne bauen - zum Schlafen, Spielen, Weintrinken. Und eine Frau in Brasilien brauchte einen Raum im Garten, um darin in Ruhe fernsehen zu können.

Eine Hütte kann für fast jeden Baum konstruiert werden. Andreas Wenning hat auch schon ein Haus auf Stelzen in ein paar Büsche gesetzt. So variabel wie das Einsatzgebiet sind auch die Preise: Ein günstiges Haus mit kleiner Terrasse, Fenstern und Wärmedämmung von Baumraum kostet 15.000 Euro, das bislang teuerste 60.000 Euro.

Wer sich das nicht leisten will, kann natürlich immer noch selbst zu Hammer und Säge greifen. Wie richtig gezimmert und befestigt wird, verraten hübsch illustrierte Bücher wie "Kleine Baumhäuser und Hütten" (Ökobuch Verlag, 11,95 Euro) oder "Baumhäuser selbst bauen" (Verlag Th. Schäfer, 19,80 Euro). Für Kreative bietet sich der Leitfaden "Baumhäuser. Fantasiewelten selbst bauen" an (Ulmer Verlag, 19,90 Euro), in dem zum Beispiel die Konstruktion einer Baumwindmühle Schritt für Schritt beschrieben wird.

Bevor man sich als Gartenbesitzer mit Lektüre und guten Ratschlägen eindeckt, sollte man allerdings prüfen, ob die Voraussetzungen gegeben sind: Obstbäume zum Beispiel eignen sich weniger als Fundament. Ihre Äste brechen leicht. Auch Erlen gelten als labil, Pappeln wachsen zu schnell und Espen haben zu weiches Holz. Eichen, Buchen und Linden hingegen sind prima Einzelstützen.

Wem gelegentlich eine Nacht im Wipfel reicht, der kann sich auch in ein Baumhaushotel einmieten. Das erste in Deutschland wurde 2005 nördlich von Görlitz in zehn Metern Höhe eröffnet. Ein wenig Luxus haben die Hütten auch zu bieten: Es gibt Duschen, elektrisches Licht und eine Nottoilette, sollte der Weg zu den WC am Boden einmal zu weit sein. Nach dem Zimmerservice wird man allerdings vergeblich rufen.


Baumhäuser baut Andreas Wenning, www.baumraum.de;
Informationen über Pear-Tree-House: www.peartreehouse.de;
Baumhotel über www.kulturinsel.com