Die ZEIT

Datum: 23. September 2004
Fotos: Edgar Rodtmann

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Menschen, Tiere, Adoptionen

Tierpaten in ganz Deutschland spenden regelmäßig für den Zoo, ihr Name steht am Käfig ihres Lieblingstieres.Was verbindet die Wahlverwandten sonst noch? Paten der beiden Berliner Zoos berichten

Seit ungefähr zehn Jahren bieten die deutschen Zoos Tierpatenschaften an. Jeder, der bereit ist, ¬regelmäßig zu spenden, darf Pate werden. Die günstigsten Patenschaften kosten rund 50 Euro im Jahr – für Schildkröten etwa oder Meerschweinchen. Es gilt die Regel: Je mehr ein Tier frisst und je mehr Pfleger es umsorgen, desto teurer ist die Patenschaft. Der Pate hat bis auf das Recht auf ein Namensschild nicht mehr Rechte als andere Zoobesucher: Er darf nicht ins Gehege, das Tier nicht füttern – und sogar die Eintrittskarte ist für ihn nicht umsonst. Und wenn das Tier umzieht in einen anderen Zoo, dann bleibt dem Paten nur: hinterherzureisen

DER ORANG-UTAN
Angela Krüger, 56 Jahre

Als mein Mann 1999 im Krankenhaus lag, auf Leben und Tod, bin ich zwischen den Besuchen auf der Intensivstation immer in den Zoo gegangen, vor allem im Menschenaffen-Haus. Hier kann ich besonders gut abschalten. Ich hatte schon immer einen Faible für Affen. Das fing bereits als Kind an. So wie andere einen Teddybären bekamen, besaß ich einen Plüschaffen namens Lumpi. Der war meine Bezugsperson, dem hab ich alles erzählt. Im Affenhaus stellte sich dann heraus, dass ich einen ganz besonderen Kontakt zu diesem Orang-Utan-Weibchen Bini hatte. Die muss instinktiv meine Sorgen und meinen Kummer gespürt haben. Sie kam immer sofort an die Scheibe, hat die Hände dagegengedrückt, lange bei mir gesessen und versucht, mich mit ihren Gesten und ihrer Mimik zu trösten. So habe ich das jedenfalls verstanden. Als mein Mann dann unerwartet wieder ganz gesund wurde, habe ich die Patenschaft übernommen, um danke zu sagen, weil sie mir so geholfen hat. Jeden Samstag bringe ich Bini etwas Schönes mit. Wassermelone oder Ananas, die sie hier nicht so häufig bekommt, oder Gießkännchen, gefüllt mit Nüssen, damit sie zusätzlich zum Essen auch was zur Beschäftigung hat. Dass Bini mich erkennt, weiß ich. Selbst wenn eine Menschentraube vor ihrem Käfig steht, wenn ich hereinkomme, geht ihr Blick erst einmal zu mir.

DAS MURMELTIER
Hasret Akpolat, 12 Jahre

Ich habe mir ein Murmeltier ausgesucht, weil ich auch gern so lange schlafe. 120 Euro musste ich für ein Jahr bezahlen. Das habe ich von meinem Taschengeld gespart. Als Patin darf ich für das Murmeltier Futter mitbringen. Und weil ich den Tierpfleger sehr gut kenne, darf ich ausnahmsweise Mohrrüben, Äpfel, Salat auch selbst schneiden und reinwerfen. Dann kommen die Murmeltiere aus ihren Löchern. Im Sommer kann ich sie fast jede Woche einmal streicheln, und im Winter darf ich in die Kiste gucken, in der die Murmeltiere bis zum Frühling liegen, und schauen, ob auch alle fest schlafen. Ich komme jeden Tag in den Zoo: von zwei Uhr bis zum Schluss, so um halb sieben. Ich bleibe aber nicht nur bei den Murmeltieren. Ich habe noch zwei andere Tiere: einen Kiwi, den hat mir meine Oma geschenkt, und eine Schopfwachtel, die habe ich von meinem Geburtstagsgeld bezahlt. Sie heißt Löckchen, weil sie vorn auf dem Kopf eine Locke hat. Mein Murmeltier habe ich Fienchen genannt. Wenn ich könnte, hätte ich auch noch gern einen Clownfisch. Aber dann müsste ich ein anderes Tier aufgeben. Wohl die Schopfwachtel. Denn den Kiwi, den gibt es nur in Neuseeland, und mein Murmeltier hatte ich als Allerersten, und den habe ich besonders lieb. Später möchte ich einmal Zoodirektorin werden. Meine Freunde gehen nicht so gern hierher. Am Anfang mögen sie den Zoo, aber wenn sie öfter hier sind, sagen sie: »Ach, immer das Gleiche.«

DAS FAULTIER
Christian Noack, 25 Jahre

Die Patenschaft für das Faultier habe ich von meiner Freundin Jessica zum Geburtstag geschenkt bekommen. Schon vor einer ganzen Weile kam mir nämlich der Gedanke, dass ich gern im nächsten Leben als Faultier auf die Welt kommen möchte. Wenn man so viel arbeitet wie ich, wünscht man sich manchmal einfach nur ein bisschen Pause. Nix weiter als rumhängen. Einmal die Woche versuche ich einen von mir so benannten Faulitag einzulegen, an dem ich gar nichts mache, nur auf der Couch herumliege. Bei der Arbeit darf ich ja kein Faultier sein. Ich bin Küchenchef. Das ist ein Knochenjob. Das Schild an der Käfigtür mit meinem Namen drauf macht mich stolz. Wir überlegen jetzt, ob wir Paten auf Lebenszeit werden. Dann würden wir auch beide draufstehen. Einen Namen hat das Tier nicht. Der Wärter spricht immer vom »Dicken«. Ich hoffe, er meint das Faultier.

DIE GIRAFFE
Ines Rankewitz, 33 Jahre und Xenia Müller, 43 Jahre

Wir hatten uns überlegt, wie wir uns als Doppelgeschäftsstelle der Gemeinnützigen Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft Berlin vermarkten können. Als wir in der Lokalzeitung lasen, dass der Zoo Paten sucht, haben wir uns spontan dazu entschlossen mitzumachen. Die allererste Option war eigentlich ein Löwe. Stark und schnell. Der Zoodirektor hat uns dann aber gesagt, ein Löwe würde für ein Jahr 15 000 Euro kosten. Das hatte sich damit erledigt. Auch ein Elefant – in der Ruhe liegt die Kraft – war noch zu teuer. Unser Marketing-Budget ist eher knapp, 1000 Euro wollte jede von uns beisteuern. Man hat uns ein Nashorn, ein Wisent, ein Bison zur Auswahl genannt. Das sind allerdings Tiere, die wir beide so gar nicht mochten. Kurz haben wir an einen Pinguin gedacht, aber uns gefiel die Vorstellung nicht, sie anzufassen. So haben wir uns letztlich für die Giraffe entschieden. Giraffe ist doch eigentlich ganz hübsch, so ein edles Tier. Und so groß wie ein Hochhaus. Am Gehege hängt nun ein Schild, auf dem die beiden Geschäftsstellen genannt sind. Viele Mieter kommen hierher und lesen es. Wir haben eine Pressemitteilung geschrieben, dass wir Paten geworden sind – und so waren wir in der Zeitschrift Wohnen in Berlin, die bei Mietern gratis im Briefkästen steckt, und bei TV Berlin. Das war schon mehr, als wir uns erhofft hatten.

DAS TRAMPELTIER

Stefan Golkowsky, 36 Jahre, Silke Domann, 30 Jahre, und Anne, 1 Jahr

Für unsere Hochzeit im Dezember 2002 haben wir nach einem schönen Erlebnis gesucht. Andere Leute pflanzen vielleicht einen Baum – wir haben ein Kamel übernommen. Denn seit unserem ersten Urlaub als Paar vor sechs Jahren in Tunesien mögen wir diese Tiere. Wir fanden die dort so witzig, ihren Gang, wie sie immer ganz sanft mit den Füßen auftraten. Seit dem Urlaub stechen wir zu Weihnachten immer Kekse in Kamelform aus. Solche Plätzchen haben wir am Tag unserer Hochzeit auch für unsere Hochzeitsgäste gebacken. Wir sind mit ihnen durch den Tierpark spaziert, haben uns auf einer Bank am Kamelgelände niedergelassen, die Kekse gegessen und heißen Glühpunsch getrunken. Unsere Patenschaft ist keinem einzelnen Trampeltier zugeordnet, sondern der ganzen Familiensippe. Das fanden wir so symbolisch: Wir erwarteten zu der Zeit nämlich gerade unsere Tochter, und im April, als unsere Anne geboren wurde, haben auch die Tiere ihren Nachwuchs bekommen.