Die ZEIT

Datum: 2. Mai 2008
Fotos: Stephan Floss, Gabriel Urbanek

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Maxim Velcovsky

ironisiert die Ikonen des Kommunismus und Kapitalismus. Er verfremdet Lenin-Büsten und Coca-Cola-Flaschen und wurde so zum Star des jungen tschechischen Designs

Maxim Velcovskys Wohnung liegt im obersten Stockwerk eines Mehrfamilienhauses im sechsten Prager Bezirk, eine halbe Stunde von der Altstadt entfernt. Der 31-jährige steht mit einer Tasse Früchtetee auf dem überdachten Balkon. Es regnet, was die Aussicht noch ein wenig grauer macht.

Der Blick fällt auf eine triste Hauptstraße und sozialistische Plattenbauten, die aufgereiht am Horizont stehen. Velcovsky liebt dieses Panorama, es ist der perfekte Ausblick für einen Designer, der sich am liebsten mit der Vergangenheit beschäftigt. Außerdem kann er von hier aus direkt auf sein Atelier im Hinter hof sehen: kein riesiges Loft oder etwa eine Fabrikhalle, sondern ein schlichtes Gartenhäuschen.

Ein winziges Atelier für einen großen Mann: An Velcovsky scheint alles überdimensional, er misst 1,87 Meter – ohne Haare. »Mit dürften es 1,95 sein«, schätzt er. Wie braune Zuckerwatte türmen sich die Locken auf seinem Kopf. Seine Füße stecken in knallgelben Schuhen, Größe 47.

Er geht voran, die Treppen hinunter, durch den Hof und öffnet die Tür zu seinem Atelier. Es ist vielleicht fünf Quadratmeter groß, mit einer Werkbank, einem Waschbecken und vollgestopft mit Dingen, die ihn inspirieren. An der Wand hängt ein Porträt von Václav Havel in Schwarz-Weiß, daneben das vergilbte medizinische Schaubild einer schwangeren Frau, auch alte Holztennisschläger und eine Kinderpuppe sind an die Wand genagelt. Zwischen Pinseln, Bechern, Schalen stehen weitere Figuren – eine Madonna, ein Superman, eine Folkloretänzerin. Auf der Arbeitsfläche liegt ein grinsender Stoff-Hamburger. Velcovsky schlägt ihm aufs Gesicht, dass er fast von der Platte fliegt, woraufhin der Burger Pop-Musik dudelt.

Für internationales Aufsehen sorgte Velcovsky erstmals 2002 mit seiner Porzellanvase Waterproof in Form eines Gummistiefels. Statt Wasser abzuhalten, wie es sich für einen anständigen Gummistiefel gehört, bewahrt er es in seinem Inneren. »Meine Idee war, bei den Stiefeln das überstrapazierte Prinzip form follows function umzudrehen in function follows form.« Aus dem Schuh wurde eine Vase.

Mittlerweile ist Velcovsky mit seinen eigenwilligen, ironischen Objekten zwischen Produktdesign und Kunst zum Aushängeschild der jungen tschechischen Designszene geworden. Was umso spannender ist, als die produktivsten Designer Europas zurzeit in Tschechien leben. Nach 40 Jahren sozialistischer Einheitsgestaltung ist der Nachholbedarf groß: Die jungen Kreativen sind begierig zu beweisen, dass Tschechen mehr können als Blümchenmuster auf Teller malen.

In Velcovskys Atelier findet man einige seiner bekanntesten Werke, das Objekt Ornament&Crime zum Beispiel – eine Lenin-Büste, wie sie in der Zeit des Sozialismus in jedem Schulzimmer stand. Er goss sie aus Porzellan nach und tätowierte Lenins Kopf anschließend mit dem blauen Zwiebelmuster, das früher auf jedes gute Service gehörte. »Damals war ich noch auf der Designakademie und wollte sehen, wie weit ich bei dem Professor gehen kann. Es hat ihm nicht gefallen«, sagt Velcovsky.

Immer wieder ironisiert der Designer das traditionsreiche Porzellanhandwerk seiner Heimat, wie etwa mit seiner Figur Little Joseph. Ebenfalls in Porzellan gegossen, geht dem Josephskopf als Kerzenständer ein Licht auf, und das heruntertropfende Wachs lässt auf seiner Glatze Haare wachsen.

Auf der Arbeitsplatte liegen auch die Vorlagen für seine Tasse pure, die wie ein geriffelter Plastikbecher aussieht, aber wiederum aus feinem Porzellan gefertigt ist. Bei seiner Digi Clock setzte Velcovsky in eine barocke Keramikuhr, die es in jedem Prager Souvenirladen gibt, ein digitales Display ein.

Experten nennen so etwas Adhoczismus, Readymades oder Design-Dadaismus. Velcovsky selbst sagt: »Ich will nicht einfach nur ein paar hübsche Becher machen, aus denen man gut trinken kann.« Wenn Velcovsky etwas erklärt, wandern seine Hände ans Kinn und verharren dort in Denkerpose. Dabei sind seine kleinen stahlblauen Augen starr auf sein Gegenüber gerichtet. Seine Arbeit bezeichnet Velcovsky als demokratische Kunst: »Wenn jemand nicht 5000 Euro für ein Bild ausgeben kann, dann sollte er einfach in einen Little Jospeh investieren.« Den kann man in Prag für 40 Euro kaufen. Für seinen Lenin zahlt man allerdings schon 500 Euro.

Gerne gibt sich Velcovsky als Retter der tschechischen Porzellan-Industrie, als Kämpfer für den guten Geschmack im eigenen Land. Die tschechischen Manufakturen machten ihm Sorgen: »Immer noch wird vor allem billiger böhmischer Kitsch in Form von Zwiebelmuster-Bierkrügen produziert und nach Russland und Deutschland geschickt.« Eine experimentierfreudige Firma zu finden, die Porzellanobjekte in kleinen Mengen produziert, sei »ein Abenteuer«. Zwei Jahre hat er gebraucht, einen Hersteller zu überzeugen, mit ihm zusammenzuarbeiten.

Velcovsky ist ein Kind des Übergangs. Als die Mauer fiel, war er 13 Jahre alt. Dass er heute seine Designs aus Ikonen des Sozialismus und Kapitalismus remixt – Lenin-Kopf, Tetrapacks und Cola-Flaschen-Hälften aus Porzellan – hat allerdings weniger politische als nostalgische Gründe. »Damals waren mir Reise- und Redefreiheit, ehrlich gesagt, egal. Ich war einfach nur glücklich, dass wir endlich Coca-Cola trinken und Hamburger essen konnten«, sagt er. So sorgte die Öffnung der Mauer für eine Art Wiederauflage der Popart, der De signer aus dem Osten verarbeitet seinen Warenwahn, indem er die begehrten Produkte aus Porzellan nachgießt.