Die ZEIT

Datum: 22. April 2004
Fotos: Ulrike Oehm

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Der tägliche Wahnsinn

Tag des Bieres, der Bücher, der Berge — der Kalender quillt über

Die Welt steht am 23. April vor einem Dilemma. Sollte die Menschheit an diesem Tag lieber ein Fass aufmachen oder einem Vorleser lauschen? Trinken oder lesen? Schwierig. Denn an diesem Freitag ist nicht nur Weltbuchtag, sondern auch der Tag des Bieres.

Es wird eng auf dem Kalender der Gedenktage, so eng, dass sich Bier und Buch einen Tag teilen müssen. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendetwas gedacht wird. Gleich nach dem Bier-Buch-Tag folgen Tage des Baumes, des geistigen Eigentums, der Tag gegen den Lärm und der Welttanztag.

All dies kann sich natürlich niemand merken. »Man muss sich fragen, ob die Anzahl der Tage überhaupt noch Sinn ergibt. Die Masse entwertet jeden einzelnen Tag«, sagt sogar Ulrich Keller von der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen. Dabei sind die Vereinten Nationen die fleissigsten Verkünder von Welttagen. Mit dem ersten, dem United Nations Day, gab man sich 1948 selbst die Gründungsehre und empfahl den Mitgliedsstaaten, jenen 24. Oktober als Feiertag auszurufen: Doch die Welt blieb stumm – nur Mikronesien gibt an diesem Datum seinem Volk frei.

Es folgte Huldigung auf Huldigung, bis heute. Alleine im vergangenen Jahr benannten die Vereinten Nationen vier neue Welttage: zu Ehren des öffentlichen Dienstes, der kulturellen Vielfalt für Dialog und Entwicklung, der UN-Friedenstruppen und der Berge. 2004 kam bereits der Antikorruptionstag hinzu.

UÅNber den Sinn der einzelnen Gedenktage wollen die Vereinten Nationen nicht diskutieren. »Das Generalsekretariat grübelt nicht über den Nutzen der Tage«, erklärt Farhan Haq vom New Yorker Hauptquartier: »Der Gedenkkalender repräsentiert die Ziele der 190 Mitgliedsstaaten.« Und die sind ganz versessen darauf, ihre nationalen Jahrestage als Welttage adeln zu lassen.

Die Regierungen der Mitgliedsländer können Gedenktage beantragen – bei allen Sonderorganisationen der Vereinten Nationen, meistens bei der Unesco oder der Weltgesundheitsorganisation. Abgestimmt wird dann bei Generalversammlungen – meist ohne viele Gegenstimmen. »Kein Staat vergibt sich schliesslich etwas, wenn er dem Anliegen eines anderen Landes zustimmt. Darauf will niemand einen Konflikt beschwören«, sagt Dieter Offenhäusser von der Deutschen Unesco-Kommission.

So konnte sogar das Fernsehen zu einem eigenen Welttag kommen. Zum Abschluss des ersten Weltfernsehforums 1996 beschlossen, sollte er den weltweiten Austausch von Fernsehprogrammen fördern und an jedem 21. November daran erinnern. Doch ist der Tag nicht einmal den Pressestellen der Sender ein Begriff. Auch veraltete Tage wie der Antikolonialtag oder der Weltfernmeldetag dürfen weiterexistieren. 58 feierliche Anlässe feiert der Kalender der Vereinten Nationen inzwischen. Zählt man die Tage mit, die andere Organisationen weltweit ausgerufen haben, kommt man auf weit über hundert.

Denn auch Initiativen, Vereine und Interessengruppen zelebrieren regelmässig ihre Tage. So fordert die Deutsche Gesellschaft für Akustik am 28. April, dem Tag gegen Lärm, dazu auf, von 14.15 Uhr an 15 Sekunden lang Ruhe zu bewahren.

Eine Verwaltungsstelle für Erinnerungstage gibt es nicht. Die Termine richten sich oft nach geschichtlichen Begebenheiten: Die Buchliebhaber wählten den Todestag von Cervantes und Shakespeare, die Vertreter der Bierfraktion die Verfügung des deutschen Reinheitsgebotes. Dass beides auf den 23. April fällt, ist den Beteiligten egal. Zum Tag des Schlafes ernannten seine Erfinder, der pharmazeutische Unternehmensberater Ulrich Zipper und der Grafiker Hendrik Pauls, den längsten Tag des Jahres. Ihr diesjähriges Motto am 21. Juni, »Mein Kummer mit dem Schlummer«, klingt ebenso vielversprechend wie der Slogan 2003: »Liebling, du schnarchst«.

Nur ganz wenige Tage haben gar keine Werbung mehr nötig: UÅNber den Weltfrauentag reisst Stefan Raab seine Witze (»Weltfrauentag – heisst das, es gibt im Puff Rabatt?«), dem Welt-Aids-Tag verleihen Galas und rote Schleifen Glamour. Und ein Jahr lang nicht an den Frieden zu denken fällt selbst Militaristen schwer, werden sie doch mehrmals daran erinnert: Einen Friedenstag feiert die katholische Kirche am 1. Januar, die Bundesrepublik Deutschland am 1. September und die Vereinten Nationen am 21. September.

Drei Tage für den Frieden, einen für Buch und Bier – die Tageverteilung kann unfair sein. Auch Pressefreiheit und Sonne (3. Mai), Ozonschicht und Elektromobil (16. September) oder Menschenrechte und Chorgesang (10. Dezember) bilden Taggemeinschaften. Wer sich dem Gedenktagsstress verweigern will, der wird sich ein Buch schnappen und vielleicht ein Bier und sich zu Kant die Kante geben.